20.
Zeit und Arbeit trabten weiter, obwohl Walter Wullenweber in den kommenden Tagen unter der starken Empfindung litt, daß sein Leben still stehe! Niemals war in dem Weißgerberschen Bureau so heftig zu tun gewesen, wie in diesen vergangenen Oktoberwochen. Dazu kam, daß der Justizrat weiter an einer zunehmenden Körperschwäche litt, bei welcher der Arzt strengste Schonung forderte, und Walter Wullenweber nahm sich, um die Arbeit zu schaffen, jetzt dicke Stöße von Akten mit nach Hause.
Wenn er endlich gegen Mitternacht zur Ruhe ging, den Kopf noch voll schwirrender Berufsgedanken, war er todmüde, verfiel auch schnell in einen tiefen Schlaf, um plötzlich mit dem Gedanken emporzuschrecken: „... nun habe ich gründlich verschlafen.“ Und doch war es kaum später als zwei Uhr morgens.
Aber sein Bedürfnis nach Ruhe war gänzlich geschwunden. Er brauchte alle Kraft, um nicht aufzuspringen und von neuem zu arbeiten.
Der dauernde Kampf, sich von den schweren, persönlichen Gedanken freizuhalten, drohte ihn aufzureiben...
Ihre klaren, sprechenden Augen – die ganze Schönheit der jungen stolzen Gestalt – vor allem ihre weiche Stimme, deren Klang ihm verheißungsvoll zärtlich erschienen war.
Kurz! Er kam nicht von ihr frei.
Lange begriff er nicht, wie das möglich sein konnte. Er wollte der immer stärker werdenden Ahnung nicht Gehör schenken. Aber sie wurde ihm zur Gewißheit. „Der Grund ihrer Ablehnung ist ein anderer! Sie liebt dich, wie du sie liebst...“
Schließlich war er sicher, daß sie sich ihm um eines Geheimnisses halber versagte! Die Saat des eigenen Mißtrauens, gestreut durch den Bericht der alten, ahnungslosen Pauline von dem stattlichen Päckchen brauner Scheine in der Handtasche – die einwandfreie Feststellung ihrer eigenen Vermögenslosigkeit – dazu das Lockmittel ihrer bezaubernden Schönheit, das augenscheinlich sogar die alten harten Vertreter ihrer Familie auf ihre Seite gebracht, wuchs, seit dem das Stiftsfräulein Hermine den Stab über sie brach. Er wollte nicht daran glauben. Seine Liebe zu ihr war stärker als alles. Und doch, täglich zertrümmerte er seinen Glauben an ihre Reinheit.