Das Haus, in dem Eva von Ostried wohnte, war schnell gefunden. Die alte Pauline hatte es ihm, als sie noch darüber berichten durfte, ausführlich und häufig genug beschrieben.

Gänzlich in das Dunkel gedrückt, stand er und starrte nach den Fenstern hinüber, die er als die ihren zu erkennen glaubte. Hinter der Glastür, die auf einen kleinen Balkon hinausführte, sah er den Schein einer rotumhangenen Lampe –, er unterschied die Köpfe zweier Menschen dicht nebeneinander. Der mit dem langgehaltenen fast bis zu den Schultern herunterfallenden Haar war derjenige eines Mannes.

Diese Entdeckung durchzuckte ihn wie ein Stich. Er wollte auch sein Gesicht sehen. Dies gelang ihm nicht. Es mußte, in tiefer Versunkenheit, über etwas geneigt sein, das es völlig verbarg.

Auch von der weiblichen Gestalt vermochte er lediglich ein Stückchen des freigetragenen Halses und eine Hand, die sich zuweilen nach einem Gegenstand ausstreckte, mit Sicherheit festzustellen.

Es genügte ihm. Das Blut brauste vor seinen Ohren. Sein ohnmächtiger Zorn löste sich langsam in eifersüchtige Qualen auf.

Nun stand er hier und sah zu, wie sich dort oben unter dem Schein des verführerischen Purpurs, der das junge Blut doppelt erhitzen mochte, eines der vielen Schäferstündchen abspielte. Er versuchte sich einzureden, daß diese Gewißheit das beste Heilmittel für seine Liebe sei, sah nach dem Schienenstrange der Elektrischen hin, der durch Nebel und Nässe in der Ferne aufblitzte, und beschloß, heimwärts zu eilen und traumlos auszuschlafen. Denn er war sehr, sehr müde. Aber er machte keinen Versuch, sich zu entfernen. Er starrte weiter auf das verschwimmende Bild der beiden dicht zusammengeneigten Köpfe.

Die breite Promenade war menschenleer. Nur einmal klappte die niedere Tür der gegenüberliegenden Polizeiwache und ließ zwei stämmige Schutzleute heraus. Ein paarmal drehten sie sich nach ihm herum, dann gingen sie beruhigt weiter. Er fühlte nichts mehr wie das Bild, dessen Gestalten er klar erkennen mußte, ehe er von hier schied. Seine Augen brannten. Seine Zunge lag hart und trocken im Munde. Vielleicht war es wirklich schon Mitternacht, denn irgendwo schlug eine Uhr zwölfmal. Seine Taschenuhr war plötzlich stehen geblieben. Er entsann sich dumpf eines Märchens, nach dem dies stets geschah, wenn eines Menschen Liebstes die Augen für immer schloß. Erst später fiel ihm ein, daß es ganz natürlich zuging, weil er vergessen hatte, sie aufzuziehen.

Er mußte nun heim!

Da schob sich ächzend die schwere Haustür, von innen geöffnet, auf, und eine Männergestalt trat auf den Bürgersteig hinaus. In dem gleichen Augenblick erlosch oben der rote Lampenschein.