Ihre Augen brannten dunkel aus dem wieder erblaßten Gesicht. Heiß und rot lockten die Lippen.

Sie suchte nach ihrem Mantel und vermochte ihn doch nicht zu fassen, trotzdem er vor ihr am Ständer hing. Es schwebte und wogte plötzlich alles um sie herum.

„Ich gehe doch,“ stieß sie hervor, als stände der mächtige Feind neben ihr, der ihren Willen band.

Sie fühlte ein Knäul aufsteigen, an dem sie zu ersticken drohte. „Wasser – einen Schluck Wasser,“ keuchte sie atemlos.

Sie netzte die Lippen, aber das Würgen blieb. Eine erbarmungslose Faust stieß sie auf den nächsten Stuhl. Ihre Hand fuhr an die Stirn. Wie leer das da war. Wie tot. Der Fahrt auf dem Wannsee erinnerte sie sich, als sein Mund sich auf den ihren preßte. „Ohne Glauben und Vertrauen keine Liebe möglich,“ sagte er – –

Irgend etwas löste sich in ihr; ein Schrei, ein Schluchzen; Tränen stürzten aus ihren Augen.

Gretchen Müller sah starr geradeaus, als merke sie von alledem nichts. Jedes Trostwort war sinnlos. Nur eins konnte helfen. Und dies eine blieb zu schwer für sie! Sie dachte an alle Güte, welche sie durch die jetzt namenlos Leidende erfahren hatte. Noch einmal durchlitt sie die Qualen der Armut und des erschütternden Erkennens eigenen Unwerts. Nichts blieb ihr erspart. Die Demütigungen, die sie als Stellungssuchende erfahren, die Ansinnen, die ihr noch jetzt das Blut vor Scham in die Wangen trieben – die Liebe zu dem Unwürdigen, die nicht sterben wollte, obwohl sie ihn verachten mußte. Und zuletzt der nagende, jammervolle Hunger. Wie hatte das alles monatelang in ihrem Körper gewühlt, bis sie endlich entschlossen gewesen, das elende Leben von sich zu werfen.

Erst jetzt war sie imstande eine Kleinigkeit für ihre Retterin zu tun.

Sie hatte lediglich nötig ihm zu sagen: „So ist es und nicht anders. Mag sie selbst in den Augen der Welt das Schlimmste getan haben. Ich weiß nichts und will nichts davon wissen. Es ist alles aufgewogen durch ihre Güte und Größe. Ich habe doch Augen zu sehen. Wie viel Männer hätten ihren Reichtum willig hingegeben für ihr Lächeln, für das Dulden reicher Gaben. Sie hat nie etwas angenommen. Ich weiß, daß sie alle Schätze für Einen aufgespart hat. Und nun richtet er sie. Wer darf das tun?“

Mehr brauchte sie kaum zu sagen.