Müde dämmerte sie ein. Wundervoll ruhig, wie seit Monaten nicht mehr, gestaltete sich ihr Schlummer. Als sie nach Stunden daraus erwachte, war sie frei von Schmerzen. Die Nacht durchschlief sie gleichfalls traumlos tief bis zum Morgen, an dem sie die gellende Pfeife des Novembersturms wachheulen mußte.
Ihr war so wohl und leicht, wie seit langem nicht.
„Ich werde bestimmt noch einmal gesund,“ dachte sie und tastete sich auf, um etwas zu genießen.
Aber plötzlich – sickerte es warm und purpurn, wie ein eiliges Bächlein, über ihre Lippen. Das war der fliehende Strom des Lebens; dagegen gab es nun nichts mehr. Morgen war sie vielleicht schon tot!
Sie versuchte sich emporzurichten. Es schlug fehl. So rief sie mit lauter Stimme, wie sie fest überzeugt war, den Namen der Hausmeisterstochter. Es war aber nur ein heiseres Stammeln, das ungehört verklang.
In höchster Angst begann sie zu beten.
Als sie eine Stunde später noch einmal versuchte, sich zu erheben, schien ihre Kraft gewachsen zu sein. Sie brachte es fertig, zum Schreibtisch zu taumeln. Mit kaum leserlicher Hand malte sie wenige Zeilen:
Lieber, guter Bruder! Komme sogleich zu mir. Ich soll sterben und muß Dich zuvor noch gesprochen haben. Frage die Botin nichts. Du wirst alles aus meinem Munde erfahren, auch warum ich bei Eva von Ostried bin. Fürchte keine Begegnung mit ihr. Sie weilt in Dresden. Die Schlüssel zur Wohnung schicke ich Dir mit. Es könnte sein, daß ich nicht mehr zu öffnen imstande wäre.
Dann versuchte sie die Treppe herunter zu schleichen. Als sie endlich vor der gutmütigen Hauswartfrau stand, schrie diese laut auf.