„Die kargen Tatsachen verrieten mir genug. – Sie waren auf den Wunsch eines Jugendfreundes Ihres verstorbenen Vaters von dem nach seinem Tode in andere Hände übergegangenen Majorat nach Berlin gekommen und ließen Ihre wundervolle Stimme unentgeltlich von ihm ausbilden. Daß er, ein Jahr später, bei dem grausamen Eisenbahnunglück ums Leben kam und Sie, die völlig Mittellose, danach vergeblich den Vormund und früheren Gutsnachbar um ein Darlehn zum Weiterstudium anflehten, verhehlten Sie mir nicht. Das Andere – die harten Enttäuschungen, die Sie in dem ungewohnten Kampf ums tägliche Brot in den verschiedenen aus Not angenommenen Stellungen zu bestehen hatten, las ich deutlich aus ihrem schmalen Gesicht und dem ängstlichen Ausdruck der Augen. Ihre spätere Beichte vervollständigte nur diese Geschichte..“

„Aber Sie haben nicht angenommen, daß ich rückfällig werden könnte.“

„Ich habe es gewußt! – Sehnsucht stirbt schwer. Und Sie sollen Ihr Sehnen ja auch behalten und pflegen. Nur Geduld müssen Sie üben. Erst fester werden, mein Kind. Erst noch diese heiße Eitelkeit abstreifen, die fiebernd nach Ruhm und Huldigung verlangt.“

Der dunkle Kopf senkte sich schuldbewußt.

„Sie sind unaussprechlich gut zu mir.“

„Keine Uebertreibungen! Hundertmal haben Sie, in zorniger Aufwallung, anders gedacht, wenn ich Ihrem Verlangen entgegenstand. Ich begreife auch das voll.“

„Wenn ich doch wüßte, womit ich Ihnen dies Alles jemals vergelten könnte.“

Frau Melchers lächelte leise.

„Das Wort „Vergeltung“ ist niemals von einem häßlichen Beigeschmack frei, Eva. Sie sollen nur stets ganz offen zu mir sein.. und mich weiter lieb haben. Anderes verlange und erwarte ich nicht.“

„Das glaube ich. Es ist ja so leicht.“