Ein prüfender Blick streifte das schöne Gesicht. Die kluge Frau kannte die größeste Schwäche ihrer Hausgenossin, die sie wie eine Tochter lieben gelernt, sehr genau. Wenn die reiche Phantasie spielte und die ungestüme Eitelkeit den Kritiker abgab, konnte es leicht geschehen, daß Eva von Ostried sich über die von der Präsidentin geforderte Wahrhaftigkeit hinwegsetzte, ohne sich eines Unrechts bewußt zu werden.
„Und nun hören Sie mir einmal aufmerksam zu, Eva,“ forderte die gütige Stimme. „Es kommen nicht sehr viel Stunden, die sich dafür eignen. Sie sollen etwas wissen, was Sie – vielleicht längst geahnt haben. – Sie werden demnächst das einundzwanzigste Jahr vollendet haben. Der Vormund, der nach dem jähen Tode Ihres Gönners seine Erlaubnis zur Wiederaufnahme Ihrer Studien, auch mir gegenüber, brieflich versagte, verliert dann seine Gewalt über Ihr Handeln. Im Herbst dürfen Sie also über sich verfügen. Aber.. wir wollen erst noch Weihnachten und Ostern in aller Stille zusammen feiern. So traut und gänzlich der Häuslichkeit gehörend, wie die andern Jahre. Nichtwahr, mein Kind?“
„Ich begreife nicht, wie Sie das meinen. Soll ich dann fort von Ihnen?“
„Ja, Eva, dann verliere ich Sie. In meinem Heim werden Sie allerdings weiter leben, aber für mich selbst kaum noch Zeit finden. Denn Sie werden wieder als einzige Beschäftigung Musik studieren. Ihre Sehnsucht darf neue Befriedigung suchen. Ihr Fleiß muß eisern werden. – Die nötigen Mittel gewähre ich Ihnen. Gegenleistungen verlange ich freilich auch. Ich muß, so lange ich lebe, über Ihnen wachen dürfen, Eva. Fühlen Sie, wie ich das meine?“
Eva von Ostried warf sich mit ausgebreiteten Armen über die kluge Frau. Sie konnte nicht sprechen. Ihr Körper bebte von einem Schluchzen des Glückes.
Endlich aber schob sie die Präsidentin sanft zurück.
„So und jetzt zum Theater! Denn, nicht wahr, darum nahmen wir doch jenes Eiltempo? – Heute Abend wird also Mignon gegeben? Obschon ich es mir von dieser Stelle aus nicht als reinen Genuß denken kann.. sollen Sie Ihren Willen haben. Ob daraus nicht für Sie, die jeden Ton dieser Oper genau kennen und die Partie des Mädchens aus der Fremde ausgezeichnet wiederzugeben wissen, eine arge Enttäuschung wird?“
Das schöne Mädchengesicht strahlte wieder.
„Wie herrlich ist es, daß Sie, die schwer zu Befriedigende, mir dieses Lob schenken. Ja... ich freue mich unsagbar auf den heutigen Abend. Zu denken, daß.. ich selbst.. es besser machen könnte.. Ist das nicht vielleicht der höchste Genuß?“
Ein leichter Schatten glitt über das feine, alte Gesicht.