„Darin werden wir uns niemals verstehen! Mir ist immer weh zumute, wenn Jemand eine übernommene Aufgabe mangelhaft erfüllt. – Aber jetzt muß ich zur Eile mahnen. Der letzte Ton der Kurmusik ist verhallt.“
Und der Rollstuhl glitt wieder durch den Dom satten, frischen Grüns dem kleinen neuerbauten Theater entgegen.
„Kommen Sie doch auch mit,“ bat Eva, ehe sie zur Kasse ging.
Die Präsidentin schüttelte den Kopf.
„Haben Sie ganz vergessen, daß der Geheimrat meinem rebellischen Herzen die allergrößeste Schonung und vor allen Dingen frühzeitige Bettruhe anbefohlen hat? Nein.. das ist ausgeschlossen.“
Eva von Ostried wurde rot. Dann aber fand sie eine Entschuldigung für ihre Vergeßlichkeit. Wie konnte ein junges, gesundes Wesen beständig daran denken, daß eine Leidende unausgesetzt der Rücksicht bedürfe?
„Nur etwas aus der Sonne können Sie mich zuvor noch schieben,“ forderte die Präsidentin ohne Empfindlichkeit, „denn aus den für Sie heiligen Räumen finden Sie nicht so schnell zurück.“
Es währte aber diesmal sogar für die Langmut der Präsidentin zu lange. Die dünnen Glöckchen der Kirche und des Salzwerkes verkündeten die zwölfte Stunde. Vom Königshof herüber erscholl das melodisch abgestimmte Tamtam, das eine Viertelstunde vor Beginn der Hauptmahlzeit, die überall zur gleichen Zeit festgesetzt war, die Gäste zusammenrief und immer noch ließ sich Eva von Ostrieds helles Gewand nicht erblicken. Schon wollte die an Pünktlichkeit streng Gewöhnte eine ihr vom Ansehen bekannte, gerade des Weges daherkommende Rollstuhllenkerin bitten, ihren Wagen in die Pension zu bringen, als endlich, atemlos vor Erregung, die Säumige kam. Die Präsidentin vergaß die beabsichtigte scharfe Zurechtweisung. Der Anblick des jungen, schönen Geschöpfes, dessen ausdrucksvolle Augen begeistert strahlten, entzückte sie, wie er es stets tat. Das reuige Betteln um Vergebung dieser neuen, kleinen Nachlässigkeit würde genügt haben, um ihre Empörung in mildes Begreifen umzuwandeln. – Sie wartete umsonst darauf. Eva von Ostried saß im tiefsten, goldensten Land ihrer Zukunftsträume und klagte Mignons Steyrisches Lied heraus: