Das wundersame Erzittern, das die Kunst dem Reinen schenkt, feierte sein Auferstehen.

Ich will wiegen Dich und wachen

Schlaf und träume, Du Knabe mein

– – Die Wirklichkeit regierte wieder! –

„Wenn der Drache und der gesegnete Obstgarten nicht wären, würde ich Sie jetzt in das Deutsche Opernhaus mitnehmen,“ sagte Ralf Kurtzig, als sie verstummt war. – Und das war sein Dank. – „Es wird heute Carmen gegeben – mit der Olitava als Gast.“

Eva von Ostried jubelte hell auf.

„Die alte Pauline erlaubts von Herzen gern, denn – im Vertrauen – eine große Hilfe bin ich ihr doch nicht und – gestern – war – ja – mein Geburtstag.“

– – Sie saßen im Hintergrund einer Loge und lauschten mit verhaltenem Atem. Das Lied blutroter Leidenschaft flammte und brannte sich in das Herz des Einen – Und das war nicht das junge – Die heiße Teufelin triumphierte über den sanften, blonden Engel. Das edle, scharfgeschnittene Gesicht des Fünfzigers erschien um Jahrzehnte verjüngt. Seine tiefen, machtvollen Augen bohrten sich in Evas Gesicht – machten sie einen Herzschlag lang verwirrt – erinnerten aber im nächsten Augenblick an zwei andere – – damals in Oeynhausen. Sie mußte wieder an Paul Karlsens gestohlene Zärtlichkeit denken, für die sie eine Zeitlang nicht mehr den früheren Zorn aufzubringen vermocht hatte. – Jetzt begriff sie ihr zur Milde gewandeltes Urteil nicht. Ein eigentümliches, fremdes Gefühl hatte sie gepackt. Sie wehrte sich in schauderndem Auflehnen gegen das Empfangen und Erwidern aller gespielten Leidenschaft – und verurteilte diese Regung doch, ohne sich davon zu befreien, als die Wahnvorstellung einer engen Seele.

Ob sie auf der Bühne überhaupt jemals davon loskam?

Die scheue Reinheit ihrer Mutter lebte in ihr auf. – Angst und Zorn verflogen indes wieder. Sie schloß die Augen, lauschte den Klängen und fühlte sich bald wunschlos glücklich – –