„Ja,“ sagte einige Stunden später Frau Kommerzienrat Eßling zu ihrer alten Freundin und Vertrauten, die – wie seit Jahren – als Erste zur Whistpartie gekommen war, „in der Nähe hätte ich sie nun ja. Aber, was will das sagen. So viel man auch aufpaßt – allwissend ist doch Niemand. Wer sagt mir, ob Elfriede unter seiner Anleitung nicht ebenfalls Komödie zu spielen gelernt hat?“

Frau Generalkonsul Enck war keine mißtrauische Natur. Aber dieser überstürzt geschlossenen Verbindung zwischen dem überzarten, beständig kränkelnden Mädchen und diesem bildhübschen Leichtfuß, dem Karlsen, brachte sie doch ihre schärfste Mißbilligung entgegen. Hätte man sie, wie das sonst bei jeder wichtigen Entscheidung der Fall gewesen, nur um Rat gefragt. Man hatte jedoch, einfach über ihren Kopf fort, in aller Stille dem durchaus nicht von ihr ernstgenommenen Verlöbnis, die eheliche Verbindung auf dem Fuße folgen lassen.

Nun kamen natürlich Reue und Gewissensbisse über die besorgte, selbst leidende Mutter. Anderseits kannte sie die bewundernswerte Energie der Kommerzienrätin zu genau, um dieses Bündnis von vornherein als dauerndes anzusehen.

„Sie hätten es sich gründlicher überlegen sollen,“ konnte sie sich nicht versagen, zu erwidern. Die andere sah starr auf das feine Porzellan der kostbaren Teeschalen herab.

„Sie haben niemals Kinder besessen. Da können Sie so etwas wohl sagen. Stehen Sie nur an zwei Krankenbetten, in denen scheinbar bisher kerngesunde, bildhübsche, lebenslustige Mädchen – – Auch die andern Aerzte haben zuerst keine Ahnung davon gehabt. Denn daß mein Mann an den Folgen einer hartnäckigen Lungenentzündung in jungen Jahren starb, gab noch allein keinen Grund zur Beängstigung für seine Kinder ab. Erleben Sie mal erst, was ich ertragen habe. – Wie habe ich damals gegen das furchtbare Gespenst gerungen. Hart bin ich gewesen – so hart.“

In ihrem energischen Gesicht, aus dem die scharfe Nase, wie sie auch ihre jetzt noch einzige Tochter hatte, auffallend hervorsprang, zuckte es.

„Regen Sie sich nicht mit den alten Geschichten auf, Frau Eßling.“

„Die Aussprache mit Ihnen tut mir wohl. Zu wem sollte ich wohl davon reden, wenn nicht zu Ihnen, vor der ich kein Geheimnis habe. – Seitdem ich meinen alten Franz, den Diener, meiner Elfriede gegeben habe, weiß niemand im Haus um diese Sachen.“

„Malen Sie sich nicht zu schwarz, Beste,“ verteidigte die Konsulin. „Sie mögen damals streng gewesen sein. Wer wäre es in der gleichen Lage nicht gewesen. An eine Härte glaube ich nicht.“