Sylvester trat in das Kurhauscafé, um Zeitungen zu lesen. Er hatte sich kaum in die Neue Züricher Zeitung vertieft, als Pein an seinen Tisch trat, Alfons Pein, der bekannte lungenkranke Lyriker und Verfasser der Bühnenmysterien „Kain und Abel“ und „Golgatha“. Sein Leben und Dichten bestand in undeutlichen, verquollenen und verschwommenen Phantasien, die er mehr oder weniger geschickt aufzeichnete und denen ethische Gedanken unterzulegen er sich krampfhaft bemühte.
Pein hatte eine vorzügliche Kur gemacht und war eigentlich schon seit fünf Jahren gesund. Er hätte, ohne Schaden an seiner fanatisch behüteten neu errungenen Gesundheit zu nehmen, ins Tiefland zurückkehren können. Aber er fühlte wohl, daß er nur hier oben noch eine Rolle spielte, wo er, von den Kurgästen interessiert beobachtet, von den Kellnerinnen belächelt, im Kurhauscafé an seinem Stammplatz Hunderte von kleinen blauen Oktavheftchen mit schlechten Versen und verwirrter Prosa versah. „Ich bin nun mal an Höhenluft gewöhnt“, schnaubte er und in seine Augen trat ein leerer, kindlicher Glanz.
Pein, der von sich behauptete, daß er in vielerlei Künsten weit über das Mittelmaß emporrage und daß man ihn nicht völlig kenne, wenn man ihn nur als Dichter kenne: denn er malte, musizierte, bildhauerte ... hatte sich früher einmal als Schauspieler und Regisseur betätigt (dazumal aus Geldmangel: aber dieses Motiv war bei ihm in Vergessenheit geraten) und gedachte dieses Metier im Davoser Kurtheater wieder aufzunehmen.
„Wird sie spielen?“ fragte er Sylvester.
„Leider“, sagte Sylvester und bestellte einen Vermouth.
Pein streifte sich seine unförmigen Überschuhe herunter und wischte sich mit einem kleinen Spitzentaschentuch seine blaue Schneebrille ab.
„Melange!“ schnaubte er. „Die Sehnsucht jedes Schauspielers ist, auf der Bühne zu sterben. Vielleicht jedes Menschen. Ich habe viele Menschen sterben sehen. Der Todeskampf eines jeden einzelnen war ein Schauspiel. Sie wird auf der Bühne sterben wollen ...“
Ein merkwürdiger Träumer, dachte Sylvester. Er verwest in sich, und das nennt er Romantik.
„Der Tod der Schwindsüchtigen ist dramatisch wie ihr Leben.“
Pein saugte an einem Stück Zucker, das er mit dem Löffel behutsam in den Kaffee getaucht hatte.