O, das war etwas zu keck gesagt vom Rechtsanwalt, er hätte den Löwen nicht reizen sollen. Überrascht fragt der Doktor: „Zweifeln Sie an der Wissenschaft? Legen Sie sich auf diesem Standpunkt fest?”
Der Rechtsanwalt, der Volksredner dachte wohl so: Er sagt absichtlich, ich lege mich auf meinen Standpunkt fest, das war schlau gesagt. Es blieb ihm nichts anderes übrig, als etwas von dem schweren Ernst dieser Unterredung wegzunehmen. „Nein, Sie mißverstehen mich. Die Wissenschaft natürlich! Aber nun hören Sie, Herr Doktor: braunäugige Kinder sind ja hübsche Kinder. Wenn es so ist, wie Sie sagen, dann muß der Vater ein tüchtiger Mann sein und Übung darin haben, ein guter Stammvater also. Unsere liberale Zeit —”
„Wollen Sie Ihren Spaß mit mir treiben?” fragt der Doktor. „Guten Morgen, Herr Rechtsanwalt!”
O, er hätte laut hinausschreien, hätte platzen mögen! Alles und alle waren gegen ihn. So ein Rechtsanwalt auch, er war borstig und unrasiert, o, so demokratisch, und dann hatte er sich eine Feder auf den Hut gesteckt wie zu einer Alpenbesteigung. Schöner Jüngling das!
Alle diese Ärgerlichkeiten machten den Doktor allmählich ungeduldig, sollte er nicht aufstehen und sie lehren, ja, dieses Pack lehren! Natürlich war seine Stellung trotzdem fest, aber man war jetzt gerade nicht besonders ehrerbietig gegen ihn, ganz und gar nicht ehrerbietig. Hätte er nicht gegen die meisten Leute eine große Verachtung im Busen getragen, dann würde er sich ab und zu umgedreht und gefragt haben, was zum Kuckuck sie denn zu grinsen hätten, wenn er vorüberging?
Und da hatte ihm nun Konsul Johnsen in der letzten Woche eine lange Rechnung geschickt, der Johnsen am Landungsplatz, der Krämerpapa. Ja, er sollte sein Geld haben, sollte sobald wie möglich alle seine Groschen bekommen, bitte hier, in den allernächsten Tagen. Haha, der Doktor mußte lachen; er wollte das Geld durch die Post schicken, daß es alle sahen; wäre das nicht ein Streich! Und von diesem Tag und dieser Stunde an sollten alle Einkäufe in diesem Geschäft, in dieser Kneipe aufhören. Es war ja ein Ort, wo ein gewisser geachteter Bürger der Stadt nicht einmal sein ehrliches Gewicht beim Mehlkaufen bekam.
Plötzlich bekommt er eine Eingebung; er will mit dem Schreiner Mattis sprechen und etwas Näheres über den berühmten Mehleinkauf hören. Er sieht auf seine Uhr. Doch, es geht noch.
Einen so großen und vornehmen Besuch hatte der Schreiner Mattis nicht in seiner Werkstatt erwartet, und er führte den Doktor sofort in die Stube hinein. Sie ließen sich zwischen Sesseln und Schaukelstühlen und Etageren und Tischen mit dicken Plüschdecken nieder. Über dem Tisch in der Mitte hing die Hängelampe bis auf die Platte herunter, an den Wänden hingen Photographien von ausgewanderten Verwandten und ein Bild des Landtags vom Jahr 1884. Die Laubkränze auf dem Ofenkranz waren so trocken wie Papier. Es war eng und stickig in dem kleinen, überfüllten Raume, und eine Unterhaltung kam auch nicht recht in Gang. Mattis schien ganz anders geworden zu sein als früher, ganz und gar nicht aufgelegt.
Der Doktor sagte, er habe einen Wandschirm, der geleimt werden müsse.
Jawohl, der Schreiner würde ihn durch den Lehrjungen holen lassen.