„Sogleich. Augenblicklich. Und er kann morgen schon trocken sein. Ja, ich mache ihn gern zurecht. Bitte, diesen Weg, Herr Doktor!”

Vergebliche Mühe. Da geht nun dieser Mann denselben Weg zurück, den er gekommen war, der Doktor des Städtchens, eine wichtige Persönlichkeit, eine Autorität, da geht er mit enttäuschter Miene wegen einer Kleinigkeit, wegen nichts. Auch er hatte wohl einstmals junge Träume gehabt, hatte viel vom Leben erhofft, hatte sich schon auf den höchsten Zinnen gedacht, damals war seine Haut zart, sein Blut rot gewesen, er war verliebt gewesen, konnte lächeln — wo war das alles jetzt? Das Leben — das Leben hatte sich darauf gestürzt und es verzehrt! Er war mehr und mehr in kleinen Ärgernissen und kleinen Interessen aufgegangen, Jahr um Jahr war er runzliger und boshafter geworden; allein mit seiner Frau bei allen Mahlzeiten, in einem leeren Hause, ohne Familie, ohne Kinder, allein mit seiner Gelehrsamkeit und seinem eigenen Mißerfolg, neugierig, klatschsüchtig und kleinlich. Auch er hatte wohl einmal junge Träume gehabt, das war nun lange her, jetzt war er gerupft, was ihm von früher noch geblieben war, war der Jargon seiner Studentenbude, deren Radikalismus, deren Freidenkerei, deren ungewaschene Schlagfertigkeit, aber ohne eine Spur mehr von der Schönheit und Innerlichkeit der Jugend, ja selbst nicht von deren Fehlern. Er war ausgeartet, sein Sinn war verändert, und es war ihm schlimm gegangen, er war niemand mehr. Seht, nun sollte er ordentlich sparen, um die Rechnung bei Johnsen zu bezahlen. Dann wollte er mit einem andern Kaufmann in Verbindung treten und dort anschreiben lassen, vielleicht bei Davidsen, ja gerade bei Davidsen, der ein neugebackener Konsul war und die Kundschaft besserer Leute brauchte. Ein Plan, ein Vorsatz, würdig einer Hausfrau in Verlegenheit!

Er geht und findet seine Frau nicht zu Hause, dann geht er ins Schlafzimmer und findet den Wandschirm ganz. Na, da hatte ihm also das Umwerfen nichts getan, warum hatte er dann gescholten? Eine recht traurige, bittere Enttäuschung überkommt ihn auch hier und zugleich ein so rasender Zorn, daß er den Wandschirm umwirft und darauf herumtrampelt. Nun mag der Schreinerlehrling kommen! Nein, nicht eine einzige Befriedigung hatte er in seinem Leben, nicht eine einzige goldene Freude. In zwanzig Jahren, in zehn Jahren war er tot, und in derselben Stunde war er vergessen.

Er geht wieder aus, das Sprechzimmer soll für sich selbst sorgen. Da kommt ihm natürlich der arme Postmeister entgegen, wie gewöhnlich leise mit sich selbst sprechend, der Doktor bringt es kaum fertig, den Hut zu lüften, und geht an ihm vorüber.

Und nun trifft er Henriksen von der Werft — seht nun bloß, wie klein die Stadt und wie klein auch die Menschen sind, sie haben so gut Platz hintereinander in derselben Straße, einer sieht dem andern schon von hinten an, was er denkt. Den Henriksen muß der Doktor grüßen, das geht nicht anders, der Witwer erwartet es sicher von ihm, und der Doktor hätte, wenn es anders gegangen wäre, seine Rechnung bei Henriksen erhöhen können. Um die Wahrheit zu sagen, so war es gerade dieses Honorar, das den größten Teil der Rechnung bei Johnsen hätte decken sollen. Aber jetzt war Frau Henriksen tot, der Patient war gestorben, das war ein schändliches Mißgeschick, ein Schlag.

„Geht es sonst gut bei Ihnen, ist das Neugeborene gesund?” fragt der Doktor.

„Ja, Gott sei Dank, er ist gesund, er ist großartig.”

Der Doktor versteht, daß der Besitz dieses Kindes Henriksens Schmerz etwas besänftigt; er ist Witwer geworden, jawohl, aber seine Frau hat ihm zu seinem Trost diesen prächtigen kleinen Jungen hinterlassen. Henriksen ist nicht ganz zu Boden geschlagen, nicht zerschmettert, und der Doktor kann doch noch Hoffnung auf sein Honorar haben.

„Ich gehe mit Ihnen und sehe nach dem Kinde,” sagt er.

„O ja, wenn Sie das wollten, Herr Doktor,” versetzt Henriksen froh und dankbar.