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Nein, Oliver ist nicht der Mann, der gleich läuft, wenn ein Doktor ruft, er ist eine wichtigere Persönlichkeit. Seine Stellung als Lagerhausvorsteher stellt ihn in die Klasse der besseren Leute, auf die gleiche Stufe mit den Ladenangestellten von Johnsens am Landungsplatz, ja, mit dem Geschäftsführer Berntsen. Und Oliver ist sogar noch eine Spur vornehmer, er läuft nicht für die Kunden auf den Bodenraum und in den Keller, sondern er ist ortfest, und das ist gerade eine passende Stellung für einen Mann wie Oliver.

Er hat sein richtiges Fach gefunden, o, es ist ausgezeichnet, so einem Lagerhaus vorzustehen, beim Kommen und Gehen von den Leuten gegrüßt zu werden, Kost und Kleidung zu verdienen, Zeit zu haben, sich im Spiegel zu beschauen und hübsch auszusehen. Daneben kann er seine persönlichen Liebhabereien pflegen, Sonntags fährt er regelmäßig zwischen die Scheren hinaus, er schaut sich um und träumt und sehnt sich, Gott mag wissen, wonach, vielleicht nach einem besseren Leben, einem neuen Jerusalem, und er kehrt von diesen Ausflügen mit dem und jenem heim, was er gefunden hat: einen Relingbalken, einige unerlaubte Möweneier oder das kostbarste und unerlaubteste von allem, eine Hand voll Eiderdaunen. Nie ist er dabei ergriffen worden, niemand kleidet einen Krüppel bis auf die Haut aus, um eine Tüte Eiderdaunen auf seinem bloßen Körper zu suchen. Und Oliver hat nun im Laufe der Jahre wahrlich viel Eiderdaunen gesammelt, die Frage ist nur, wie er sie absetzen soll. Aber selbst wenn er sie nie in Geld umsetzen kann, will er doch weiter sammeln, diese Art Ware kann er nicht sehen, ohne sie besitzen zu wollen.

Daheim geht es auch besser, die Jahre müssen seine Frau zahmer gemacht haben, sie hat mehr Geschmack am häuslichen Leben und Kaffeetrinken bekommen, und den Kaffee können sie ja verhältnismäßig billig haben; jetzt braucht Oliver nicht mehr so oft mit dem Fischmesser im Ärmel hinter ihr herzuschleichen. Sie war zwar noch oft unverträglich, jawohl, das war sie, sie schnaubte noch oft höhnisch mit den leichtbeweglichen Nasenflügeln und witterte gleichsam in der Luft. Petra hatte es nie gut genug und hatte auch nie genug, sie war ein unglückliches Geschöpf, ungenügsam von Geburt an, habgierig von Geburt, im Unterschied von Oliver, der sich an dem weniger Guten genügen ließ, ja, sich sogar an ihr genügen ließ. Darüber konnte kein Zweifel herrschen, Petra war in ihrer Art ein Teufelsweib. O, aber solange sie nicht ausschweifend war — und sie war ja nie ausschweifend, sie übertrieb es nicht, die Unbeteiligten mochten sie anstarren, sie hatte nur einmal ein blauäugiges Kind bekommen. Alles in allem konnte Oliver zufrieden sein, sie war jeden Tag für ihn da, er wärmte sich bei ihr, aß seine Mahlzeiten an ihrer Seite und lag in ihrem Bett, ihr Atem ging im Schlaf über ihn hin. Seht, das war gar nicht so wenig! Und jedenfalls war sie seine Frau und nicht die eines andern, so weit man es wußte.

Ist sie nicht hübsch? Gewiß, gut gebaut, von anziehendem Wesen, von üppiger Fülle, mit etwas Schwelgerischem — sonst hätte er sie gar nicht genommen, wohlgemerkt! Aber sie ist nicht gegen alle Winde gefeit; wäre nur der Schreiner Mattis fort und aus dem Wege, dann hätte Oliver ruhig sein können! Gegen alle Winde, sie? Petra, die sogar dem Scheldrup Johnsen eine Ohrfeige geben konnte! Als ob sie jeden einladen und sagen würde: „Komm, wir wollen ein wenig üppig sein und lasterhaft und ausschweifend!” Nein, nein, keine Spur! Sie war eher wie ein Altarbild; ach du lieber Gott, am Sonntag trug sie ein goldenes Kreuz, das sie sich erhandelt hatte, an einem Samtband um den Hals. Und niemand wäre etwas so Unsinniges eingefallen, daß sie leichten Kaufes zu haben wäre. O keine Spur!

Petra war in ihrer Art die richtige Frau für ihn, Oliver, sehr oft wünschte er sich gar keine andere. Die braunäugigen Kinder? Allerdings, dieses Mädelchen war ihm ein Strich durch die Rechnung, und mehrere Monate lang hielt es seinen Verdacht in heller Lohe; aber weichlich und weibisch, wie er geworden war, konnte er dem Kinde nicht auf die Dauer widerstehen, das tägliche Leben führte das Mädelchen zu oft in seine nächste Nähe; wenn niemand anders anwesend war, mußte er es wiegen. Und dann wurde sein Verdacht sozusagen geprellt: er hatte eine Pferdenase in dem kleinen Gesichtchen erwartet, aber das Kind wuchs heran und bekam eine außergewöhnlich hübsche Nase. Das mochte der Kuckuck verstehen. In jener Zeit besprach Oliver die Sache mit dem und jenem: daß er plötzlich der Vater eines blauäugigen Kindes geworden sei, während die andern Kinder braune Augen hätten, wie denn das zu verstehen sei? Er bekam ausweichende Antworten, der Fischer Jörgen verwunderte sich überhaupt nicht darüber, o man könne sonderbarere Sachen sehen, und im übrigen sei in der Natur vieles verborgen.

Oliver ist also den Umständen angemessen ein ganz glücklicher Vater. Aus solchen Kindern wurde gewiß etwas. Es gab nicht viele, die es besser hatten, und wenn er alt und von der Arbeit im Lagerhaus abgearbeitet war, würden seine Kinder erwachsen sein und ihm helfen. Von Abel erwartete er vielleicht nicht sehr viel, aber von Frank — o, Frank ging in die höheren Schulen und wurde gelehrt, und mit der Zeit würde er eine hohe Stelle bekommen. Er war jetzt schon Student und studierte immer weiter.

Und schließlich noch eins: es war gar nicht so ohne, daß Johnsen am Landungsplatz Doppelkonsul war, Oliver rechnete sich das zur Ehre. Es hieß, Grütze-Olsen wolle jetzt auch einen Lagerhausvorsteher halten, nur um groß zu tun, und Martin auf dem Hügel, der alte Fischer, lauere auf die Stellung. O, bitte, nimm sie nur, auch Grütze-Olsen ist Konsul und ein reicher Mann, vielleicht hat man es bei ihm auch gut. Aber ist er zweimal Konsul? Hehe! Martin auf dem Hügel, du erreichst gerade die Hälfte, aber bitte!