„O, dafür brauchen Sie sich nicht zu entschuldigen, daß wir Menschen unter anderem auch Fensterglas brauchen.”
Der Postmeister war bisweilen recht hilflos, sehr wenig gewandt, er kam dadurch öfters in die Klemme. Bei einer Gelegenheit gebrauchte er die Redensart: „Die Letzten werden die Ersten sein!” Ein junger Rechtsbeflissener, der beim Hardesvogt angestellt war, kam gerade vorüber, und da fragte der Doktor eben boshaft, ja, wie wenn es ihm ein Rätsel wäre: „Aber was in aller Welt sollen dann die Ersten werden?” Der Postmeister antwortete wieder ganz treuherzig: „Die Ersten werden die Letzten sein.”
„Hahaha!” lachte der Doktor wieder. „Ei, zum Henker! Aber sagen Sie mir, Herr Postmeister, wie können Sie nur immer bei allem so glücklich sein?”
Der Postmeister versteht jetzt wohl, daß er zum besten gehalten wird, und er erwidert: „Ich bin es nicht immer und nicht bei allem.” Dann schwieg er.
„Es muß Angewohnheit sein,” sagt der Doktor. „Sie können das Glück nicht entbehren. Wir andern aber von dieser Welt, wir müssen ohne es leben. Natürlich ist es eine Angewohnheit.”
Der Postmeister war schweigsam. Der Doktor mußte seine Zuflucht wieder zu der Frage über die Nachkommenschaft nehmen, um ihn zum Sprechen zu bringen. Und hier wollte der Postmeister nicht auf sich herumtreten lassen, er machte unerwartet Halt. „Waren nicht Sie es, Herr Doktor, der damals die Liebe nannte? Was verstehen Sie darunter? Sie hätten Triebleben, tierische Funktion sagen sollen, sie hätten Liederlichkeit sagen sollen, o, aber auch diese so klug, so vorbeugend, so kinderlos wie nur möglich.”
„Ei du große Zeit!” rief der Doktor verwundert aus. Dann wurde er wieder der überlegene Mann und zeigte keine Lust zum Disputieren. Er sah auf seine Uhr. Plötzlich war der Postmeister nicht mehr für ihn da, er rief nur ins Lagerhaus hinein: „Komm heraus, Oliver, ich will mit dir reden!”
Als ob Oliver gleich käme, wenn ein Doktor rief! Er blieb in seinem Versteck im Lagerhaus sitzen, bis der Doktor fort war, dann schloß er ab und ging.
Aber er sollte diesem Zusammentreffen doch nicht entgehen; der Doktor paßte ihn in der ersten Querstraße ab, griff sogar mit einem Finger nach seinem Hut und sagte in ganz verändertem Tone: „Guten Abend, Oliver, gut, daß ich dich treffe, kannst du mit mir in mein Sprechzimmer kommen?”
Oliver ging mit; ob er nun seiner Neugier nachgab, oder ob er sich die Sache vom Hals schaffen wollte?