Oliver hinkte vom Lagerhaus heim, als ihn der Rechtsanwalt einholte und sofort von Geschäften anfing: „Na, Oliver, du hast jetzt eine feste Stellung, es ist Zeit, daß du das Haus einlöst.”
Was auch schuld sein mochte, der Rechtsanwalt kam von dem Aussichtspunkt herunter, von einem Geschäft her, das ihm vorbeigelungen war, nun sollte ihm wohl ein anderes gelingen. Legte er keinen großen Wert auf die bindende Abrede mit Konsul Olsens Tochter? Oder mißtraute er der Mitgift? Jedenfalls sprach er jetzt kurz und gut, wie einer, der retten will, was noch zu retten ist, an seinen Worten war nichts Unsicheres und Unbestimmtes.
Oliver erwiderte nur, wie er denn das Haus einlösen solle, mit seinem Lohn im Lagerhaus, der gerade groß genug sei, daß er davon leben könne?
„Ja, was geht das eigentlich mich an?” fragte der Rechtsanwalt. „Verkaufe du das Haus und bezahle mir mein Geld, dann sind wir quitt.”
Wo Oliver mit seiner Familie hinsolle?
„Da haben wir es wieder einmal!” fährt der Rechtsanwalt los. „Was wäre denn das für eine Pflicht meinerseits, mit der du rechnest? Überleg' dir doch einmal, das Haus verliert von Jahr zu Jahr an Wert, du hältst es nicht einmal mit Anstrich gut im Stand, es vermodert ja.”
„Ich wollte es in diesem Sommer anstreichen lassen.”
„Nein, das kann nicht länger so weitergehen. Du weißt, wo mein Kontor ist — entweder du kommst selbst oder deine Frau kommt.” Damit ging der Herr Rechtsanwalt weiter.
Natürlich mußte Oliver seine Frau schicken. Sie hatte die Sache schon einmal gedeichselt und paßte am besten dazu. Es traf sich auch, daß Petra jetzt gerade sehr gut und munter aussah, schöne neue Leibwäsche hatte sie auch bekommen, und die ganze Person war demgemäß voller Selbstgefühl. Das konnte ihr niemand verdenken. Und sie wollte sofort gehen, diesen Abend noch. „Aber das Kontor ist jetzt geschlossen,” wendete Oliver ein. — „Dann klopf' ich an seinem Zimmer an,” erwiderte Petra. Da konnte Oliver nicht anders, er mußte ihren Eifer bewundern und sagte ermahnend: „Ja, aber das will ich hoffen, daß du ihm nun auch recht klar machst, was er einem Krüppel anzutun gedenkt.”
Nachdem Petra gegangen war, zog Oliver Zuckerwaren und Bäckerbrot aus der Tasche, die er für sich und die kleinen Mädchen mitgebracht hatte. Er machte keinen Unterschied zwischen den beiden, sondern teilte gleich, und die mit den blauen Augen, die Blaumeise, bekam eher noch mehr, weil sie die freundlichste und im Grunde genommen die herzigste war. Merkwürdig, daß das so endete! Der Vater hatte lange auf eine Pferdenase in diesem blauäugigen Gesicht gewartet, sah sich aber angenehm enttäuscht. Vor lauter Freude darüber hatte er das blauäugige Kind ebenso lieb, wie das mit den „Familienaugen”. Einmal hatte er die Blaumeise geschlagen, als sie von seinem eigenen Landungssteg aus ins Wasser gefallen war. Da hinkte er nicht, da flog er herbei, um sie zu retten, und zog sie mit der Krücke aus der Tiefe. Als sie die Augen aufschlug, stieß er einen Schrei aus und schlug sie ein paarmal mit der Faust auf ihr kleines nasses Hinterteil, seine Freude hatte sich im Augenblick in Raserei verwandelt. Sonst schlug er seine Kinder niemals, das war die Sache der Mutter. Oliver verstand es am besten mit den Kleinen, und deren ganzes Herz gehörte auch ihm.