Jetzt tun sich die drei in allem Behagen gütlich und freuen sich über die Heimlichkeit ihrer Schleckerei. Es ist gerade, als ob sie gestohlenes Gut teilten und verzehrten, sie erschrecken einander zum Spaß mit dem Ruf: „Mutter kommt! Großmutter kommt!” Sie tun etwas auf die Seite für die Brüder, den Studenten und den Schmiedknecht. O, solch einen Vater, um den Kindern einen Festschmaus zu bereiten, gab es nicht wieder! Dann erzählt er ihnen von seinen Seereisen, er ist in der Welt draußen gewesen, er hat Feuerfresser gesehen, Menschen, die brennendes Werg verschlangen, und Hunde, die Milchwagen zogen. „Du große Welt!” sagen die kleinen Mädchen. Ho, was war das gegen alles, was er sonst noch gesehen hatte: Affen, Pfauen, Kameele, wie Abraham, Isaak und Jakob sie hatten. Wilde, mit Ringen in der Nase, Wolkenkratzer, feuerspeiende Berge, einmal ein Seeräuberschiff, einen Klipper, einen Dreimaster mit einunddreißig gesetzten Segeln, einmal einen Mord in einem Kaffee am hellichten Tag. „O Gott!” schauderten die kleinen Mädchen, „bist du selbst niemals von bösen Leuten überfallen worden?” Dazu hätte etwas gehört, ihn zu überfallen, sagt er. Leider sei es sein Schicksal gewesen, krank und lahmgeschlagen zu werden. Die kleinen Mädchen bedauern ihn, und die drei sitzen zusammen wie drei Weibsleute.
Da meinen sie plötzlich, jemand kommen zu hören, der Vater beeilt sich, den Tisch abzuleeren, er schiebt im letzten Augenblick zwei ganze süße Brötchen in den Mund und sitzt mit unbeweglichen Kinnladen da. Ach, er ist so ausgestopft und so unsäglich komisch mit seinem ernsten Gesicht und seinem vollen Mund.
Es war ein blinder Lärm, niemand kommt, die Verschworenen sind wie erlöst. Da werden die kleinen Mädchen von einer tollen Freude erfaßt, sie fragen den Vater allerlei, um ihn zum Sprechen zu bringen, sie kitzeln ihn in der Seite, drücken auf seine Wangen, kichern und lachen. Der Vater muß auf einen Stuhl steigen, um fertig kauen zu können; drei Kinder!
Nach einer Weile kommt Frank herein, der Student, erschöpft und blaß von seinem Tagewerk, wie einer, der von Ausschweifungen geschwächt ist. Er bekommt sein Essen und seine Kuchen und schweigt, auch in diesem Augenblick noch beschäftigt er sich mit der mageren Gedächtnisarbeit, von der er herkommt. Es ist etwas Trauriges um den Jungen, in geschenkten Kleidern und mit Händen, die nicht zuzufassen verstehen. Ach, er ist so sprachenkundig, und er ist so unreif!
Oliver, sein Vater, meint wohl, es könne ihm nicht schaden, wenn er ihm einige väterliche Worte gönne: „Du solltest nicht so übermäßig viel studieren, Frank, du wirst ganz krank davon. Und soviel ich merke und verstehe, so weißt du mehr als sonst irgend jemand in der Stadt, was das betrifft.”
Frank schweigt.
„Erzähl' uns ein wenig von dem, was du heut gelesen und erforscht hast.”
Ach, davon verstehen sie doch nichts; allein Frank läßt das eine und das andere verlauten, damit sie einen Einblick in die Dinge bekommen, nennt Verbalformen, Suffixe, dissimilatorische Ausrufe; er gibt sich weit, weit herunter und erklärt Kasus und Geschlecht. Der Wilde spricht, er hat es im Kopf, es geht ihm zum Munde heraus, Laute, ein mühselig angelerntes Hirngespinst, das ihn Tag und Nacht beschäftigt, eine Vogelsprache, ein fürchterliches Durcheinander. Er behandelt das als etwas Köstliches und Feines; wenn die kleinen Mädchen ein Wort verkehrt wiederholen, verbessert er sie, und der kleine Mann fühlt sich überaus groß darüber, mitten in seiner gelehrten Unwissenheit hat er es zu der eingelernten Sicherheit eines Schuljungen gebracht. Kein Mensch hat ihn denken gelehrt, unter dem Druck seiner Aufgabe hat er nur immer weitergestrebt, davon konnte keine Rede sein, daß er seine Zeit und Kraft vertrödelt hätte, er hat das Leben zur Sprachwissenschaft gemacht und fühlt sich nicht betrogen. So schreitet er weiter durch seine Öde, eine leere, törichte Wanderung, nicht um irgendwo hinzugelangen, sondern nur, um auch einer von denen zu sein, die durch die Öde schreiten. Das ist seine Aufgabe sein ganzes Leben lang.
Er langweilt seine Zuhörer, und der Vater gähnt, geht aber nicht so weit wie die kleinen Mädchen, die vom Tisch aufstehen. Frank merkt, daß sie abtrünnig werden, das beleidigt ihn ein wenig, und er sagt grinsend: „Jawohl, ich soll wohl hier schön sitzen bleiben und euch etwas beibringen!”
Die kleinen Mädchen setzen sich vorsichtig wieder auf die Stühle, und der Vater entschuldigt sie: „Sie lernen es doch nicht, das ist ihnen zu hoch. Aber wir meinen alle, es gehöre dies zu dem Merkwürdigsten, was wir je gehört haben. Und doch hab' ich draußen in der weiten Welt die Neger sprechen hören.”