„Nun, es ist jedenfalls ein Aufschub,” sagt Oliver. „Ich will doch hoffen, daß du die Sache in Ordnung bringst. Daß du ihm auf alles ordentlich dienst, was er zu dir sagt, das Untier.”

Dann geht er wieder zum Haus hinaus. Dieser Engländer beschäftigt ihn vollständig, sein Seemannsherz sehnt sich hinunter ans Bollwerk zu dem fremden Dampfer, er will ihn in der Nähe sehen, will ihn riechen, ein Seeschiff vom Ausland, englische Sprache, halbnackte Heizer, der Schiffer hoch oben auf der Kommandobrücke. Am Bollwerk trifft er viele neugierige Stadtkinder, er trifft den Fischer Jörgen und den unvermeidlichen Olaus vom Wiesenrain mit der Pfeife im Mund.

„Schön, daß du kommst!” sagt Olaus. „Du kannst mir dazu verhelfen, daß ich Tabak in meine Pfeife bekomme. Sie verstehen nicht, was ich ihnen zurufe.”

Oliver hat nichts dagegen, den Mann zu spielen, der Englisch kann, und als jetzt ein Gangbrett ausgelegt wird, geht er an Bord. Aber Olaus ist so unbedingt der alte Olaus, er spottet über den Tabak, den sie bekommen, es sei ja nicht mehr, als was auf einen Fingernagel gehe, und besseren habe er auch schon kennen gelernt. „Pfui Teufel! Ist denn niemand da, der einen guten, starken Tabak hat? Wo ist der Steuermann?”

Da ist es gerade, als ob der englische Matrose die norwegischen Worte verstünde; aber er liest den Sinn doch wohl nur von Olaus unzufriedenem Gesicht ab, er steckt kurz und gut seine Pfeife ein und geht fort. Oliver sieht ihm nach, und eine unbestimmte Erinnerung fährt ihm durch den Sinn. Diesen fremden Seemann hat er früher schon einmal getroffen, oder jedenfalls einen, der ihm ähnlich sieht. Er konnte ihn in einer Hafenstadt, auf der Straße, irgendwo oder in einem Heuerkontor gesehen haben; aber wo? Die Welt ist so groß und weit, und Oliver ist überall gewesen.

Er trifft einen andern von der Mannschaft und spricht sein beinahe vergessenes Englisch mit ihm, erfährt, wo das Schiff herkommt und für wen in der Stadt es bestimmt ist, alles ist ihm wichtig und versetzt ihn in sein früheres Leben auf der See zurück. Er erfährt, wieviel das Schiff laden kann, wieviel Mann Besatzung es hat, wie alt der Kapitän ist und wie lange sie von der Ostsee bis hierher gebraucht haben. Dafür berichtet Oliver, was er selbst ist, ein alter Seemann, er fing schon an, als er erst eine Spanne lang war, war aber Vollmatrose gewesen, als das Unglück ihn traf, als die Trantonne kam und ihm die Knochen zerschmetterte. Na, das sei schon eine Weile her, und vor einigen Jahren habe er, er so gut wie ganz allein, ein großes Wrack geborgen, das sei zum Exempel nicht so wenig für einen Krüppel, er sei darum auch in die Zeitung gekommen. Seit vielen Jahren sei er jetzt Aufseher in Konsul Johnsens Lagerhaus dort drüben, er sei verheiratet und habe mit seiner Frau vier Kinder gehabt, einer von den Jungen sei Student.

Olaus vom Wiesenrain wird dieses Geschwätz in einer ihm unverständlichen Sprache langweilig, er geht an Land. Der Engländer ist geduldiger, und es zeigt sich zum Schluß, daß er der Steuermann ist, der zweite Steuermann, er ist nicht fein und geleckt, sondern im Gegenteil ein Kernmensch, er zeigt sogar ein wenig Teilnahme für das winzige Städtchen, in dem er jetzt eine Weile liegen muß, um zu löschen. Oliver bekommt den besten Eindruck von ihm.

Als er wieder an Land geht, ist er vollgestopft mit Wissen und kann seine Bekannten um sich versammeln und Bericht erstatten. Der Fischer Jörgen ist ein getreuer Zuhörer, alt und steif steht er da und hört zu, sagt wenig, hängt am Munde des Erzählers und geht nicht seines Weges, er ist kein Läufer, nein. Es liegt ein Zug von Gehorsam über dem alten, verbrauchten Fischer, seine Frau hat ihn wohl im Lauf des halben Jahrhunderts gebeugt. Ach, und er ist zu solid, um zu den Schwätzern zu gehören. Seht, Mutter Lydia war heftig und tüchtig noch heutigen Tages, der Stadt beste Wäscherin, noch heutigen Tages ein Reibeisen, aber sie hatte den Mann nicht dazu gebracht, sich aufzurappeln, er war schwerfällig und treuherzig, er beugte sich. Gott weiß, vielleicht hatte er zu viele Haustöchter um sich her, die alle Stühle im Hause besetzten. Der Sohn Eduard war auf See.

Obgleich das fremde Schiff nur ein gewöhnliches Frachtschiff war, spielt sich Oliver doch auf, wie wenn er der Eigentümer wäre: er sei überall herumgegangen und habe alles angesehen, der Salon sei Mahagoni mit Vergoldung —

„Du bist nicht im Salon gewesen,” unterbricht ihn Olaus.