„So, ich soll nicht im Salon gewesen sein?”
Olaus schreit auf: „Willst du uns vielleicht weismachen, du seist im Salon gewesen? Der Schiffer ist ja am Land.”
Oliver gibt nach: „Ich bin aber am Salon vorbeigegangen und hab' alles gesehen. Ich begreife nicht, daß du nie das Maul halten kannst.” Er wendet sich den andern zu und fährt fort: „Der Kapitän muß reich sein.”
„Hat er das selbst gesagt?” fragt Olaus.
Jetzt tut sich Oliver wieder dick, spielt sich als den Lagerhausvorsteher auf und ist sich zu gut dazu, mit jemand, der so tief unter ihm steht, zu streiten. Der Krüppel hat seinen Stolz.
Aber Olaus hat auch den seinen. Auch er bleibt auf seinem Platz. Hat ihn schon jemand je weichen sehen? Als Oliver und die andern das Bollwerk verlassen, bleibt Olaus allein zurück, aus keinem andern Grund auf der Welt, als nur, um nicht der zu sein, der geht. Ein steifnackiger und verdrehter Mensch, ohne Bosheit, aber er hat ein zu ungewaschenes Maul. Er war ein unverbesserlicher Trunkenbold, übernahm sich aber nicht und bettelte niemals um etwas anderes als um Tabak. Unhöflich war er, und er grüßte die Honoratioren des Städtchens nicht. Seine Bombengesundheit erlaubte ihm, zu schlafen, wo er wollte, im Freien oder unter Dach.
Kein Schiffer, kein Doktor, kein Konsul, keiner von den gewöhnlichen Leuten des Städtchens war er, aber ein Hafenarbeiter mit einer Tabakspfeife, ein Wrack mit noch wertvollem Eisen darin, jawohl, der Ärmste war doch noch ein Stück von einem Mann!
Auch er hätte wohl den einen und den andern Grund zum Jammern gehabt, auch er war ein Krüppel, von einem Unglück getroffen, verschimpfiert im Gesicht, ein Mann mit nur einer Hand, aber gottlob doch noch mit einer Hand; er vergoß indes keine Tränen, er setzte sich auf die Hinterbeine, hoho, er verdünnte seine Sorgen mit Branntwein und ertrug sie. Ein Sonderling auf seine Art: es fiel ihm nicht im Schlaf ein, geradezu zu stehlen, man konnte ihm die Waren am Landungsplatz anvertrauen, aber er ließ sich seine Arbeit tüchtig bezahlen, und wenn sich die Gelegenheit bot, dann hieb er die Leute übers Ohr. Seine Frechheit war im Grunde klar und offenkundig, er schlich sich nicht weg und versteckte sich, sondern trat auf als der, der er war, grob und unverantwortlich, von vollkommener Sicherheit. Alles in allem ein Mensch mit guten und schlechten Eigenschaften durcheinander. Machte er kleine Reisen in die Nachbarstädtchen, nur um sich zu raufen? Keine Rede, Olaus machte diese Ausflüge, um sich einmal ordentlich zu betrinken, das stärkte ihm wieder den Mut. Daß ihm die eine Hand fehlte, war ihm weiter nicht lästig, er konnte nicht damit zufassen, aber er konnte mit seiner einen Hand heben und tragen. Wer einhändig ist, hat immer noch das Glück, nicht ganz ohne Hände zu sein. Dieses Glück hatte er. Olaus verzweifelte nicht, er hatte doch noch eine Hand. Er sah gehörig herunter auf den fetten Oliver, der übers Bollwerk hinkte und nicht einmal zwei Beine hatte, der arme Tropf!
Die beiden Krüppel verachteten einander gegenseitig, und ganz zweifellos war Olaus der Überlegenere. Oliver wußte das und wußte sich vor Neid nicht zu lassen; das zeigte sich in einem zudringlichen Mitleid mit seinem Unglücksbruder; er bedauerte ihn, weil ihn das Unglück zu einem Trinker gemacht hatte, der in seiner Raserei sein Weib prügelte. — „Ich prügle sie nicht!” rief Olaus. „Das geschah nur, als sie anfing, es mit andern zu halten. Paß du auf deine eigene Frau auf!”
Da wurde Oliver so teilnehmend, daß es ganz herzbewegend war, und er sagte: „Du tust einem herzlich leid, wenn man dir ins Gesicht sieht, aber noch schlimmer ist es mit deinen Händen. Du kannst dir ja gar nicht in allem selbst helfen, nicht einmal eine Nadel kannst du einfädeln. Ja, du tust mir herzlich leid!”