Naja, Olaus konnte wirklich keine Nadel einfädeln, das war eines von den Dingen, die er nicht tun konnte. Und er war auch nicht glatt und bartlos und weibisch im Gesicht, im Gegenteil, sein Gesicht war knochig und scharf, Bart und Gesichtsfarbe waren dunkel, die Pulverkörner, die in seine Wangen eingesprengt waren, saßen für immer drin und wurden nicht heller. Olivers Gesicht war glatt und rund, wie das Hinterteilchen eines Kindes, mit hängenden Wangen und feuchtem Munde. Das Gesicht war wenig anziehend bei Olaus, bei Oliver hatte es etwas Abstoßendes. Aber dieser hatte dennoch das große Übergewicht, hatte den verschlageneren Kopf, einen hurtigeren Gedankengang. Geht er nicht jetzt eben in der Dämmerung nach Hause und hat einen guten Gedanken? Hier war vielleicht die Gelegenheit, seine Eiderdaunen loszuwerden, sie in aller Stille aus der Stadt und aus dem Lande zu schaffen.
Seht, er hatte nun einmal diese Eiderdaunen auf seinem Bodenraum, ein gebundenes Kapital, es konnte niemand schaden, wenn er es freimachte, im Gegenteil, das war ein Gewinn für eine ganze Familie, Olivers Familie, die mit Hinauswerfung bedroht war. Als Schuld und Verfehlung löste sich die ganze Geschichte in nichts auf, da verteilte sie sich auf Hunderte von kleinen Mausereien von einem Klümpchen Eiderdaunen im Verlauf eines Menschenalters. Ob wohl die Honoratioren der Stadt im gleichen Zeitraum eine reinlichere Rechnung aufzuweisen hatten? Und kurzum: die Diebereien waren einmal geschehen, und daß er das gestohlene Gut verkaufte und vor Motten und Rost schützte, konnte seine Schuld doch nicht vermehren! Konnten denn nicht die Eiderdaunen darunter leiden, wenn sie zu lange in einem Bodenraum liegen blieben?
Andere Leute waren kein Haar besser als er, entweder sie hatten keine Gelegenheit, einen Streich auszuführen, oder sie hatten es nicht nötig. Sie hätten wohl auch manches Mal Lust dazu gehabt, es war ihnen sehr unangenehm, es bleiben lassen zu müssen, aber sie trugen die Kette am Bein, waren die Gefangenen ihrer eigenen Ehrbarkeit und ärgerten sich darüber, daß sie sich keinen Verstoß erlauben konnten. So war es. Was konnte man dann von einem Mann wie Oliver erwarten, einem Krüppel und armen Kerl mit einer großen Familie? Hätte nicht auch er vornehm und redlich in seinem Wandel sein können, wenn es ihm seine Mittel erlaubt hätten? Aber wann hätte er Geld gehabt? Er lebte sein Leben wie ein Pilz im Dunkeln, als Aufseher eines Lagerhauses mit Versuchungen in jeder Ecke, im Winter in einer Kälte, daß er Frostbeulen an die Hände bekam, im Sommer in einem Leber- und Trangeruch, der ihm den Atem nahm, ein durchdringender Geruch, vor dem er zurückprallte, wenn er morgens die Lagerhaustür aufmachte. Was Wunder, daß er dabei nicht völlig unschuldig und seine Seele nicht weich wie Samt blieb. Vieles, was er tat, wurde von einem Schatten verdunkelt, das Dunkel und er schienen in einer Art von Einverständnis miteinander zu stehen — jawohl, das Merkwürdige war, daß er den Doppelkonsul nicht ermordete und ihm sein Lagerhaus stahl.
Aber er hatte zu guten Verstand, um so etwas zu tun, er machte keine Dummheiten, die ans Licht kamen. Seine Art, zu wägen und zu messen, war nicht übersichtlich und wechselte je nach den Kunden, seine sonntäglichen Ausfahrten mit dem Boot waren immer gleich geheimnisvoll; er kam nachts nach Hause und hatte dies oder das bei sich, unter anderem trug er diese Eiderdaunen in der Achselhöhle versteckt. Im Lauf der Jahre war es eine prächtige Menge Eiderdaunen geworden, sie hatten Platz in einem Sack, wenn er sie aber herausschüttelte, würden sie eine ganze Kammer füllen. Der englische Dampfer konnte der Markt dafür sein.
Oliver übereilt sich nicht, seine Klugheit rät ihm Vorsicht an. Er fragt seinen gelehrten Sohn Frank nur zum Spaß und wie um ihn zu prüfen, was Eiderdaunen auf englisch heißt, und Frank blättert ein wenig in einem Wörterbuch und findet es, das war für ihn die Sache eines Augenblicks. Am Abend, wenn er mit seinem Packhaus fertig ist, geht Oliver häufig hinunter ans Bollwerk, läßt sich dort sehen, spricht mit den Engländern, wandert hin und her. Allmählich läßt er durchsickern, daß er etwas Eiderdaunen habe — eider down — ob sie sie brauchen könnten? — Ja, das denke er schon, sagt der Steuermann, der zweite Steuermann. „So, Sie haben eider down, wieviel denn?” — „Nur ein wenig, zu einem Bett oder so.” — „Also nicht noch zu einem zweiten Bett?” fragt der Matrose, der daneben steht. — Doch, das könne gut sein; Oliver sagt, er habe seit mehreren Jahren kleine Posten gekauft, es reiche sicherlich zu zwei Betten oder so. —
Sie besprechen sich darüber. Oliver ist nicht gerade berechtigt, mit Eiderdaunen zu handeln, er hat kein offenes Geschäft, aber in der Nacht kann er eine Probe bringen. Und es wird so verabredet.
Die Probe ist fein und tadellos, ist überirdisch, ein Flöckchen löst sich und schwebt zu den Sternen empor, in Eiderdaunen zu liegen, das ist wie aufzusteigen, wie in der Luft zu schweben. Eine neue Abrede wird getroffen über Preis und Lieferzeit, die Herren feilschen nicht. Sie rechnen nach Pfund, aber Oliver kann keine englischen Pfund annehmen, dieses Geld wäre zu verdächtig in seiner Hand. All right, sie überlegen unter sich, er soll norwegisches Geld bekommen, wenn nicht vorher, dann im letzten Augenblick, er könne ganz sicher sein! Oliver hat das flotte Seemannsherz, er kann die Herren gut leiden und traut ihnen, er will immer ein wenig auf einmal bringen, und den Handel dann zuletzt abschließen. „Ich hab' keine Angst um die Bezahlung, Gentlemen!”
Sie nehmen ihn in Ecken und Winkel, um ihn für sich allein zu haben, stecken ihm alles mögliche Eßbare zu und sind wie Brüder gegen ihn. Das ist doch etwas anderes, als die Mannschaft auf der Fia, die den Krüppel kaum betrachtet hatte. Ach, niemand ist wie die Engländer, Oliver wird in den Arm genommen, sie schwatzen mit ihm und fragen ihn aus, und er kann wohl mit einem und dem andern norwegischen Wort antworten, wenn er mit seinem Englisch einmal stecken bleibt, sie nehmen es nicht so genau, sie können make it out. Nun haben sie bald alle Leute in der Stadt gesehen, aber den Postmeister haben sie noch nicht gesehen, sitzt denn der Mann Tag und Nacht in seinem Kontor und hütet seine Geldbriefe? Der Steuermann und der Matrose interessieren sich sogar für so gleichgültige Dinge, wie zum Beispiel, daß der Postmeister seine Familienwohnung im Posthause hat. Sie reden auch über Olivers persönliche Verhältnisse: So, er habe also einen Sohn, der Student sei? Das sei ja prächtig. Sie wissen auch, daß er eine schöne Frau habe, sehr gut gewachsen, sie haben sie am Bollwerk gesehen warum er sie denn nicht mit hierherbringe? Sie würden sie nicht fressen.
Sie bieten ihm zu trinken an, daraus macht sich Oliver jedoch nichts; aber sie haben gemerkt, daß er Wert aufs Essen legt, und luchsen dem Stewart den einen und den andern Leckerbissen für ihn ab, den er dann abseits verzehrt. Was sind das für Gentlemen!
Endlich hat das Schiff gelöscht, und Oliver bringt den letzten Rest der Eiderdaunen. An diesem Abend trifft er nur den Matrosen. Es stürmt und regnet, der Kapitän und der Steuermann sind zum Abschied bei Konsul Olsen eingeladen, der zweite Steuermann hatte Zahnweh und ließ sich entschuldigen, er wollte sich trotz des Wetters auf dem Gemeindeweg warmlaufen; die Mannschaft war an Land.