„O schweig!”

„Ich denke, es steht dir frei, mit deinem Liebsten zusammenzutreffen! Übrigens hat keines von uns etwas dabei zu sagen, wir sind harmlos unseres Weges dahergekommen und haben ihn zufällig getroffen. Mehr ist nicht dabei. Aber wollen wir hier auf dem Wege stehen bleiben?”

„Wenn ich alles gewußt hätte —” sagt sie.

Jetzt tut der langbärtige Mann etwas Unerwartetes und Lustiges, er zieht eine Mundharmonika aus der Tasche und fängt an, eine Weise zu spielen. Er tut das vielleicht, um sie aufzumuntern, vielleicht auch, um seine eigene Sorglosigkeit anzudeuten, die Harmlosigkeit seiner Gegenwart auf der Straße mitten in der Nacht ins Licht zu rücken. Es ist unglaublich, daß er jetzt spielt, aber es ist kein Irrtum möglich, Oliver hört die Musik mit seinen eigenen Ohren. Und wieder, um sich einzuschmeicheln und mit dem Mann gut Freund zu werden, ruft Oliver: „Das ist großartig, Gott steh mir bei!” Er schleicht sich hinüber zu der Witwe und spricht: „Ich bin zu meiner Zeit in der ganzen Welt herumgekommen, aber so etwas wie dieses Spiel —”

Der Mann hält inne, wendet sich an Oliver und fragt: „Worauf wartest du?”

Der Krüppel merkt deutlich, daß er von diesem Manne nicht geliebt wird, und erwidert darum: „Auf nichts. Ich glaub', ich geh' jetzt hinunter und seh' zu, wie das Schiff die Anker lichtet.”

Der Mann fängt wieder an zu spielen.

Aber damit hatte er einen Fehler gemacht, er war zu dreist gewesen, sein Spiel weckt in Oliver einen Verdacht. Natürlich kannte er jetzt diesen Landstreicher; wenn er es sich näher überlegte, erinnerte er sich an dieses Spiel von seinen Jugendtagen her, außerdem erinnerte er sich an die Legenden über diesen Spielmann; er war ein Kind der Stadt, Schmied Carlsens Sohn, der Künstler auf der Mundharmonika, der Landstreicher, der bei allen Weg- und Eisenbahnarbeiten im Lande zu finden war. Was führte er nur jetzt im Schilde? Er hatte seine Schwester bei sich, sein Bruder Adolf war an Bord des Engländers, der mit der Schiffskiste — o, eine Bande von Geschwistern, alle beieinander! Es ärgerte Oliver, daß er ihnen nicht ins Gesicht hatte sagen können, was er von ihnen wußte.

In tiefen Gedanken ging er nach Hause. Da hatte er einen großen Wirrwarr aufzulösen, und Gott mochte wissen, ob er, im ganzen genommen, einen Vorteil davon hatte, sich noch weiter um die Sache zu kümmern. Den zweiten Steuermann kannte er durchaus nicht, und vielleicht war dieser überhaupt die wichtigste Person von allen. Außerdem hatte sich Oliver über sein eigenes Geschäft zu freuen; seine Tasche strotzte von Geld, es war der Lohn für sein fleißiges Hinausrudern zu den Vogelnestern Jahr um Jahr.

Er war beinahe zu Hause, als der Engländer eine lange Weile in die Sirene blies und vom Bollwerk abfuhr.