Sie wurden daheim vermißt, jeder auf seine Weise. Frank vielleicht am wenigsten. Seine Kammer stand leer, aber die Großmutter hatte nicht mehr nötig, auf den Zehen zu schleichen und konnte am Herde rasseln, soviel sie wollte. Das war keine kleine Änderung zum Besseren. Abel erbte die Kammer von seinem Bruder; aber das war einerlei, hin oder her, er war nur bei Nacht darin, und außerdem war Abel kein Mann der Wissenschaft.
Da hinterließ doch der Rechtsanwalt eine größere Lücke bei seiner Abreise. Nicht als ob sein Kontor durch seine Abwesenheit stark gelitten hätte, sein Geschäft war nicht so groß, daß es ihm nicht mit der Post nachgeschickt und von ihm auf der Bank im Landtag erledigt werden konnte. Aber der Rechtsanwalt hatte doch eine gewisse vorläufige Abrede getroffen, Fräulein Olsen vermißte ihn vielleicht, jedenfalls mußte es ihr sehr still vorkommen, als seine Stimme fehlte. Was war sonst noch erfolgt? Nur abgewartet, die Zeit war noch nicht gekommen, aber sie näherte sich, ein Winkelblättchen hatte schon die kommenden Männer genannt, darunter auch ihn, den mit der Abrede. Fräulein Olsen mußte jedenfalls gewisse schwere Tritte auf der Treppe vermissen, wenn nicht mehr, einen schwer schnaufenden Herrn, der hereintrat, einen Nacken mit einem Speckwulst, eine tastende Hand: „Guten Abend, guten Abend!” Wenn sie nicht sehr vergeßlich war, so mußte sie sich auch an die Zigarrenstummel im Aschenbecher erinnern, an das Zwiegespräch, an die sachliche Art, seine Liebe und norwegische Politik zu betreiben: „Was haben wir im Grunde in diesem Dasein zu erstreben? Es gut zu haben, was denn sonst? Wir steigen von Stellung zu Stellung, und es geht uns besser und immer besser, wir speisen gut, kleiden uns gut, legen zurück, werden vermöglich, besitzen Häuser in der Stadt und Anteile an Schiffen auf dem Meere, bewohnen eine Sommervilla, segeln oder fahren in der Kutsche, wann es uns gefällt. Wir tun nichts, was uns nicht paßt, wir wollen das Unebene nicht eben machen, das sollen die andern tun, jeder nach seinem Geschmack! Nachher — nachher können wir Geschäfte in Gang bringen und den Leuten Arbeit geben, wir können rund um uns herum wohltun, eine helfende Hand reichen. Wir hören von einer obdachlosen Familie und lassen sie in einem von unsern Häusern wohnen: Bitte, nur hier eingezogen mit den Deinen! Wir hören von Unglücksfällen und nehmen Anteil, wir sind alles andere als hartherzig, Matrosen werden zu Krüppeln in ihrem gefahrvollen Berufe, wir greifen ein und verschaffen ihnen ihr Recht. Auf diese Weise werden wir solidarisch, wir wollen Fortschritt und Demokratie, laßt nur uns alles in Ordnung bringen mit dem Dienst, der Fahne und dem Vaterland —”
„Jawohl,” sagte Fräulein Olsen darauf.
„Nicht wahr, so geht es, und so muß es auch gehen! Aber es ist nicht gut, daß der Mensch allein sei, sowohl die Person als die Stellung verlangen eine Gehilfin, Fräulein Olsen —”
„Wollen Sie sich nicht noch eine Zigarre anstecken?”
„Doch, danke. Eine Gehilfin also. Sie ist notwendig aus mehreren Gründen: Dem Haus muß eine Hausfrau vorstehen, sie soll die Zimmer in Ordnung halten, die Einkäufe für den Haushalt gehen durch ihre Hände. Jemand kommt und will den Mann sprechen, er arbeitet, er ist im Staatsrat, aber die Frau repräsentiert. Der Verwaltungsrat eines Altersheims oder einer Anstalt für Geistesschwache wünscht ihre wertvolle Unterstützung, nun gut, die Frau setzt ihren Namen unter einen Aufruf. Sie ist jetzt auf eine höhere Warte gehoben, zu neuen Ehren gelangt, aber auch zu neuen Pflichten. Sie kann sich diesen nicht entziehen, die Öffentlichkeit hält die Augen auf sie gerichtet, die Gesellschaft stellt ihre Forderungen. Könnten Sie diese Forderungen erfüllen, mein Fräulein?”
„Ich?” sagt wohl Fräulein Olsen lachend. „Ach, das weiß ich nicht. Nun, wenn es sein müßte, könnte ich es wohl. Was meinen Sie?”
„Das setze ich voraus. Und nun bleibt nur noch übrig, darüber ins reine zu kommen, ob auch Sie wollen. Seit unserer ersten Abrede sind nun mehrere Monate verflossen, Sie haben Zeit gehabt, oftmals darüber nachzudenken. Aber ich warte auf gewisse Veränderungen, die eintreten sollen, es eilt nicht, ich lasse Ihnen noch mehr Zeit.”
Da fragt wohl Fräulein Olsen etwas verwundert: „Unsere erste Abrede, sagen Sie? Was für eine Abrede?”
„Liebes Fräulein, unsere vorläufige Abrede. Erinnern Sie sich denn nicht mehr, bei der Hochzeit Ihrer Schwester? Ich meine doch, wir seien darüber einig geworden —”