Oliver überlegte ein Weilchen, setzte die Mütze schief und warf sich in die Brust. „Man muß doch allerlei erleben!” sagte er. „Im übrigen kümmer' ich mich nicht darum, was ihr, du und der Mattis, von mir glaubt. Aber er soll nicht allzu sicher sein, daß ich ihn nicht verklage.”
„Es würde dir nichts helfen, wenn du nur den Mattis verklagen würdest. Dann müßtest du die ganze Stadt verklagen.”
„Spricht die ganze Stadt davon?” fragte Oliver.
„Ja, soviel ich weiß.”
Wieder überlegte er und dachte darüber nach. Das war eine merkwürdige und höchst unerwartete Lage, in die er da hineingekommen war, Gott bewahre mich! Da mußte etwas daraus gemacht, sie mußte ausgenützt werden können. Er fing an, ein Liedchen vor sich hinzusummen, während er noch überlegte. Petra sah ihn forschend an und stand wohl dem Eigentümlichen, was jetzt in diesem Manne, diesem verpfuschten Manne vorging, verständnislos gegenüber, summte er ein Liedchen? Vielleicht war er in diesem Augenblick glücklicher, als er in den letzten zwanzig Jahren gewesen war, vielleicht hatte er das Gefühl, daß in ihm etwas wieder aufgerichtet worden sei, eine Würde, ein Wert, vielleicht sah er sich rehabilitiert durch einen Betrug, indem er mitten in einem falschen Licht stand, aber doch rehabilitiert. Warum sitzt er dort und sieht aus wie reich geworden, ja überreich? Hat er Wein und Brot erhalten und ist gesegnet worden? Hat der Himmel sich geöffnet, ist ein Wunder geschehen? Seht, der Ärmste ist nicht er selbst, er ist einmal in der Welt draußen gewesen, in diesem Augenblick war er wohl wieder draußen, er leckte sich die Lippen und tat sich etwas darauf zugute, ahmte sich selbst nach aus früheren Tagen, da er bei hübschen Liebchen in den Hafenstädten Glück gehabt hatte. Petra war daran gewöhnt, ihn fett und gleichgültig zu sehen, immer mit der Krücke umherhumpelnd oder sich auf einem Stuhl am Tisch herumfläzend. O, er gehörte zu den Quallen, die in tödlicher Dummheit und Nichtigkeit an dem Brückenrand lagen und nur atmeten; jetzt sitzt er dort, wundert sich und freut sich über etwas, aber über was denn?
Petra verstand es wohl immer weniger, und dieses Trällern verwirrte sie; hätte sie es nicht besser gewußt, so wäre sie näher zu ihm hingetreten und hätte ihn angesehen, ob er wirklich der Oliver Andersen und ob es auch ganz richtig bei ihm bestellt sei? Sie brachte ihn in die Wirklichkeit zurück, indem sie sagte: „Du singst nur!”
„Was?”
„Du singst nur, sag' ich.”
„Singen? Es fiel mir eben ein, Tahitaho. Nein, ich singe nicht.”
„Ja, mach' nur so weiter. Manche Leute haben es im Kopf!”