Münchener Neueste Nachrichten: Statt prunkhafter Ornamente gibt Hamsun nur das jeweils Unerläßliche: in eherner Notwendigkeit aber zugleich den Geist des Irregulär-Schicksalhaften, in dunkler Wahrheit leuchtkräftige Schönheit. Die Holdheit einer Fabelliebe wärmt und weckt Mitlust, ihre Schauer und Schauder reißen mit hinab in tiefes, ungefaßtes Erdenleid. Die Unmittelbarkeit dieses grellsten Erlebens ist nicht Lügen zu strafen: hier spricht eigenstes Erdulden sich aus ... Dieses Realismus grasse Unerbittlichkeit, nahezu schon bis in Ironisierung ihrer selbst erhoben, ist unwiderstehlich. Ein altes Haus erwächst in gespenstisch klare Wirklichkeit, eine Mansarde atmet, je nach Dichters Geheiß, Leben oder Tod, und ein Mädchen eröffnet, wunderlich liebevoll, die lange Reihe hamsunscher Frauen, deren zauberischer Süße heute, in allem europäischen Dichten, einzig die Herbheit hamsunscher Männer ebenbürtig ist.
Pan
Aus Leutnant Thomas Glahns Papieren. 21. Auflage
Der Zwinger, Dresden: ... Nein, alle fachkundige „Erotik”, alle Nervenzerfaserung und die geschickteste Momentphotographie der Welt konnten keinen „Pan” zustande bringen, diesen Hymnus der Liebe und des Waldes. „Pan” war ein germanischer Mythos, eine heidnische Natursage voll ewiger Gottmenschlichkeit, aber so, daß sie den modernen Nerven erreichbar war, daß sie den Großstädter an der Wurzel packte. Was des Germanen Gottesgeschenk und vielleicht seine besonderste Menschenleistung ist, die tiefe Beseelung der Natur: dieser Norweger hatte sie mit einem Male wieder ans Licht gehoben, die alte Wunderblume, aber so rein, so künstlerisch vollendet, daß sie allmenschlich wurde, daß alle Völker, die gegensätzlichsten, und die ganze gegensätzliche Menschheit Europas dieses Entzücken von einem Buche unmittelbar genießen konnten. Große, ungebrochene Naturmenschlichkeit, urphantastische Menschennatur in ihrer ganzen mehr als nur wahren, aber allerwahrhaftigsten Unwahrscheinlichkeit — das ist Hamsun.
Albert Langen, Verlag in München
Knut Hamsun
Victoria
Die Geschichte einer Liebe. 15. Auflage
Die Zeit, Wien: Hamsun hat in der Gefühlsstimmung auch diesmal Saiten gerührt, die nur er so kennt, und mit Griffen, die nur er so meistert. Er weiß mit fast unmerklichen Mitteln jene Situation beklemmender Qual zu geben, in der die Lippen lächeln und die Herzen verbluten; das Schmerzdurchbebte und Verzweiflungszerrissene, ohne daß leidenschaftliche Worte sich entladen. Die Gefühle vibrieren wie die schwebenden Rhythmen der Gedichte in Prosa seines „Pan”.
Volksrecht: „Victoria” ist nicht nur die Geschichte einer Liebe, sie ist ein modernes Hohelied der Liebe, eine ergreifende Verherrlichung ihrer Allgewalt ... So einfach diese Fabel des Romans, so konventionell sie fast erscheint, mit welcher Glut hat Hamsun sie erzählt. Welche tiefe Leidenschaft, aber auch welche ruhige, große Resignation spricht aus derselben. Wir kennen wenige Bücher der modernen Literatur, ja der Literatur überhaupt, die einen tiefern und nachhaltigeren Eindruck auf uns gemacht haben.