Oliver rudert hinaus und bleibt nicht lange fort, nach zwei Stunden klärt sich das Wetter auf, und er kommt zurück. Er zieht die Fische hübsch auf Schnüre und hinkt in die Stadt damit. Abel weiß vielleicht recht gut, wohin er damit geht. Er geht an Stadtingenieurs vorbei und geradeswegs nach dem großen steinernen Haus mit den Säulen davor; Blut ist dicker als Wasser, er geht zu seinem Sohn, dem Schulvorsteher, und bleibt da vor der Küchentür stehen. Hier macht er seinen Schuh mit Speichel sauber, er wird für einen Augenblick unwahrscheinlich neu und blank, und der Stelzfuß braucht nicht geputzt zu werden. Dann klopft Oliver.
Das Dienstmädchen ist in der Küche, und Franks Frau, Konstanze von der Werft, recht wohlbeleibt, weil sie guter Hoffnung ist, kommt heraus. Oliver hat Takt und gute Manieren, er nimmt den Hut ab und reicht nun seine Fische hin. Das Mädchen nimmt ihm das Bündel ab. Frau Konstanze ist nicht hochmütig, sie dankt ihm persönlich für das Geschenk, sie kennt ihren Schwiegervater, aber sie bietet ihm keinen Stuhl an. „Ach, wenn wir diese Fische zum Mittag gehabt hätten!” sagt sie, um etwas zu sagen. Oliver spielt sich ordentlich auf, genau wie wenn er selbst von vornehmen Leute herstammte, und antwortet: „Soweit es in meiner geringen Macht steht, werde ich das nächstemal früher kommen.” — Nein, entgegnet Frau Konstanze, er solle keine Fische mehr bringen, das wolle sie nicht, da er doch lahm sei, und alles andere noch dazu. — Oliver pfeift auf diese Redensarten, pfeift natürlich nur ganz gemäßigt, bewegt aber unaufhörlich die Hände, wie um anzudeuten, daß er nicht lahm sei, o, er werde schon kommen —
„Du hörst ja, daß ich es nicht will,” sagt Frau Konstanze, „und ich bin gewiß, daß es mein Mann auch nicht will,” sagt sie. Aber Oliver versteht nichts und macht noch weiter. Da bleibt der jungen Frau nichts anderes übrig, als das Mädchen irgend etwas Gleichgültiges zu fragen, und als sie Antwort darauf bekommen hat, dreht sie sich um und geht hinein. Oliver versucht sich indessen mit dem Mädchen zu unterhalten, die Schwiegertochter ging vielleicht hinein, um etwas für ihn zu holen, ein Stück Kuchen, eine kleine Erinnerung, es wäre ihm unangenehm gewesen, zu verschwinden, während sie fort ist. Aber selbst das Mädchen ist wortkarg. Er erkennt sie wieder, es ist das Mädchen vom Tanzsaal, die mit der vollen Brust, er hat ihr damals Zuckerwaren gegeben. Natürlich spielt er jetzt nicht auf jenen lustigen Abend an, nein, hier im Hause ist Oliver ein anständiger Mann, er sagt, das sei einmal eine schöne Küche, eine sehr hübsche Küche. — O ja, erwidert das Mädchen. — „Ist der Schulvorsteher daheim?” fragt Oliver. — Jawohl, der sei daheim. — „Was tut er, studiert wohl?” — Das wisse sie nicht, sagt das Mädchen und macht an ihrer eigenen Arbeit weiter. Oliver wartet noch eine Weile, aber die junge Frau kommt nicht wieder heraus. Da sagt er gute Nacht und geht.
Nichts ist im Wege, nichts unangenehm und verkehrt, Oliver fühlt sich nur ein wenig erleichtert, daß er das Fischbündel losgeworden ist. Er grübelt jetzt nicht. Wenn jemand daherkäme und ihm den Tod anböte, so würde er ihn nicht annehmen, o, weit entfernt, das Leben ist nicht gar zu schlimm, meint Oliver. Nicht alle Menschen haben es so gut wie er: ein Dach über dem Kopfe, das tägliche Brot, ein Zweikronenstück in der Tasche, Frau und Kinder, und was für Kinder! Er ist der unvergängliche Menschenstoff.
Da hinkt er heimwärts. Er ist etwas marode, etwas unvollkommen, aber was ist vollkommen? Er ist, sozusagen, ein Bild des Lebens in der Stadt, es ist in ihm verkörpert, es kriecht, aber es ist darum doch ebenso emsig. Es fängt am Morgen an und dauert bis zum Abend, dann legen sich die Menschen schlafen. Und einige legen sich unter eine geteerte Plane.
Kleines und Großes geschieht, ein Zahn fällt aus einem Munde, ein Mann aus den Reihen heraus, ein Sperling auf die Erde herunter.
Knut Hamsun
Hunger
Roman. 18. Auflage