Oliver fühlte sich wohl recht ehrenhaft und überlegen, als er sich in Gegenwart einer ganzen Volksmenge so zahlungsfähig zeigen konnte. Wer stand da und war Zeuge seiner Handlungsweise? Petra und alle Welt. Und dort stand ja auch Lydia mit ihren Kindern, und ihr entging nichts, sie war die richtige „kluge Else”. Ihr Mann, der Fischer Jörgen, stand auch weiter drüben, aber als sich nun die Honoratioren der Stadt allmählich einfanden und gerade an seiner Ecke vorüberkamen, zog er sich etwas weiter vom Bollwerk zurück und suchte sich einen sichereren Platz.

Nun kamen die Großen, die Schiffsreeder, der Doktor, die geachtetsten Kaufleute; einige waren ganz aufgekratzt von dem Mahl beim Konsul; sie trugen eine Blume im Knopfloch und hatten den hohen Hut auf. Da kam der Rechtsanwalt Fredriksen; der Augenblick war noch nicht gekommen, aber Rechtsanwalt Fredriksen würde sicherlich die Gelegenheit wahrnehmen und einige feierliche Worte sprechen. Er war das Reden gewohnt, er war der in der Stadt, der Versammlungen zusammenbrachte und Reden hielt.

Die Familie Johnsen taucht aus der Kajüte auf, Herr C. A. Johnsen, selbst mit lebhaften braunen Augen und dem runden Bäuchlein des Lebemanns. Frau Johnsen führt die kleine Fia an der Hand. Als sie an Land gingen, machten alle Platz, nicht ein Kind stand im Wege. Leute, die ein Dampfschiff besitzen, müssen einen breiten Weg auf ihrem eigenen Bollwerk haben, das ist nicht mehr als recht und billig.

Der Kapitän stieg rasch hinauf auf die Brücke und klingelte der Maschine. „Fertig! Los!” ruft er. Die Trossen werden hereingezogen. Der Kapitän schwingt die Mütze, seine Familie und Freunde grüßen wieder, das Schiff zittert und weicht zurück. Oliver wirft im letzten Augenblick seine Tüte ans Land, er sieht wohl, daß sie ungefähr da niederfällt, wo sie soll.

Jetzt ist der Augenblick da: Rechtsanwalt Fredriksen tritt vor, lüftet den Seidenhut hoch in die Höhe und erfleht Heil und Glück für das Schiff, die Reeder und die Mannschaft. „Hurra!” ertönt es vom Bollwerk.

Dann fuhr die Fia nach dem Mittelmeer.

Die Tüte traf, jawohl, aber es war eine unwillkommene Tüte und eine schändliche Tüte, sie zerplatzte, als sie niederfiel, und die Rosinen lagen zerstreut auf den Planken des Bollwerks. Das war ein Zustand! Petra lächelte gekränkt und war dem Weinen nahe. Olivers Mutter las die Rosinen in ihr Tuch zusammen, sie hatte ihre liebe Not, die Kinder zurückzuhalten, und ermahnte sie eifrig, doch nicht auf die guten Gaben Gottes zu treten. Die Honoratioren, ja auch die Familie Johnsen kamen an diesem kleinen Walplatz vorüber, insbesondere kam auch der junge Scheldrup Johnsen vorüber. Er lächelte und sagte leise zu Petra: „Heb' deine Rosinen auf!” Petra war wie mit Blut übergossen; sie ließ den Kopf hängen und wäre sicherlich am liebsten in die Erde versunken ...

Die Weiber am Brunnen redeten noch lange von diesem Tag. Sie konnten wohl in der und jener Kleinigkeit uneinig sein, aber Frau Johnsen war jedenfalls in schwarze vornehme Seide gekleidet gewesen und hatte einen Überwurf mit seidenen Fransen über den Schultern getragen. Ihr Hut war sogar von ganz besonderer Art, mit einem dünnen, breiten Rand, der beim Gehen etwas auf und ab wogte, und mit einer einzigen, großen Feder geschmückt.

Dagegen hatte sich niemand weiter um das gekümmert, was nun folgte, denn jetzt kam das tägliche Leben an die Reihe. Oliver kam im Herbst wieder heim, aber ohne die Fia. Ach ja, er hatte einen Schaden davongetragen, war fast erschlagen worden. Er war ein Krüppel. Da war nichts zu machen. Wenn man aus dem Takelwerk herabstürzt und sich die Rippen bricht, so kann man es ja wohl überstehen, aber es ist jedenfalls ein Ereignis, das man im Gedächtnis behält. Aber Oliver — er geriet unter eine Trantonne und brach sich die Leiste und einen Schenkel er wurde verstümmelt und überstand es. Dann lag er im Krankenhaus in einer kleinen italienischen Küstenstadt, wo er nicht ordentlich verpflegt wurde, und das Bein mußte abgenommen werden. Sieben Monate vergingen, bis er in seine Heimat zurückkehren konnte.

Petra, sein Mädchen, zeigte sich recht gut und hielt sich unter dieser ungeheuren Prüfung aufrecht. Sie war in jeder Weise ebenso gewöhnlich wie andere Mädchen, aber sie hatte auch gute Eigenschaften, daran fehlte es wirklich nicht.