Er war jung und seiner plötzlichen Hilflosigkeit höchst ungewohnt. So saß er meist ruhig da, aß, und wenn er sich in der Stube herumbewegen wollte, half er sich mit den Händen und warf sich von Stuhl zu Stuhl. Er war eifrig damit beschäftigt, sich eine neue Lebensstellung auszudenken; das war eine sonderbare Beschäftigung für den geborenen Matrosen, ja bisweilen hielt er vor lauter Sonderbarkeit mitten in einem Gedanken inne. Er hinfällig, er ein Krüppel! Vorläufig mußte er sich ein Boot verschaffen und fürs Haus etwas fischen. Er hatte einen schlimmen Schaden davongetragen, einen unbestreitbaren, glaubwürdigen Leibesschaden, aber als er das brandige Bein abgeworfen und die Folgen davon überwunden hatte, blieb ihm immer noch ein guter Rest übrig, eine Nettokraft.

Es ging nicht gerade großartig mit dem Fischfang, Frostwetter setzte ein und die Bucht war bis zum offenen Meer hinaus mit Eis bedeckt, nicht einmal das Postschiff konnte die Rinne offen halten, sondern mußte sich jedesmal durchs Eis vorwärtsstoßen. Oliver hätte es wie die andern Fischer machen können, ein Loch ins Eis hacken und da fischen, zu Fuß — sozusagen vom Land aus, das tat Jörgen, das tat auch der alte Martin vom Hügel. Aber Oliver war zu jung in diesem Fach und wollte übrigens auch nicht zu solchen äußersten Mitteln greifen. Die Leute sollten nicht den Eindruck bekommen, er fische aus Not, nein, sondern aus Lust, um sich die Zeit zu verkürzen.

Ernste Tage kamen, eine unbehagliche Weihnachtszeit. Aber zu Neujahr änderte sich das Wetter, ein Sturm setzte ein, und das Eis in der Bucht brach wieder auf. Da ruderte Oliver hinaus und fischte einen Tag um den andern; er blieb immer länger fort, manchmal bis zum Abend, und er brachte auch Fische mit heim. Aber er fischte nicht aus Not, o weit entfernt!

Die Mutter sagte in gleichgültigem Ton: „Es ist wahr, Johnsens am Landungsplatz haben mich gefragt, ob du ihnen nicht Fische bringen könntest.”

„Ich?” sagte Oliver. „So, das sagten sie. Aber ich fische nicht für andere.”

„Ja, das dacht' ich auch,” stimmte die Mutter bei. Sie ließ die Frage fallen, ließ sie ganz und gar fallen und tat, als könne Johnsen am Landungsplatz seine Fische wohl selbst fangen. Schließlich sagte sie: „Ja ja, sie haben eine gute Bezahlung dafür versprochen.”

Schweigen. Oliver grübelte nach. „Der Johnsen am Landungsplatz soll mir zuerst meinen Fuß bezahlen,” sagte er dann.

In dieser ganzen Zeit war nur wenig von Petra zu sehen gewesen, sie hatte wohl ein paarmal einen kurzen Besuch gemacht, hatte ihre Geschenke in Empfang genommen, ein paar gleichgültige Redensarten gewechselt und war wieder gegangen. Sie trug noch immer Olivers Ring und machte auch keine Miene, das Verhältnis abzubrechen, nein, das tat sie nicht; aber Oliver hatte doch so seine ängstlichen Gedanken über dies und jenes. Richtig abgewogen, war er ja auch nicht mehr viel wert, ein halber Mensch, eine Art Mißgestalt, die nichts besaß, selbst sein Anzug fing schon an schäbig zu werden. Ja, er war in seinen Matrosentagen zu leichtsinnig gewesen, er genau wie die andern, und hatte nicht viel auf die Seite gelegt. Das einzige, was er für die Zukunft getan und worauf er vor seinem Fall stolz gewesen war, galt jetzt vielleicht gar nichts: der Anbau am Hause, die neue Stube und die Kammer auf der andern Seite des Flurs. Gott mochte wissen, ob diese Herrlichkeit nun benützt wurde!

Der Winter wollte kein Ende nehmen, das drückte auf die Gemüter und machte die Leute verdrossen.

An einem Sonntag gegen Abend kam Petra und war freundlicher als sonst. „Ich hab' deine Mutter in die Stadt gehen sehen,” sagte sie zu Oliver, „da wollt' ich ein wenig zu dir hereinschauen.”