Diese kleinen Jungen waren ordentlich tüchtig, sie waren ganz hingenommen von ihrem Gewerbe. Nicht Schulaufgaben und Lehrer wurden zwischen ihnen verhandelt, sondern ihr Geldbestand. Sie hatten ihre Rechnungen im Kopf: ein wenig hatten sie wohl einem Kameraden, der in einer Klemme war, vorgestreckt, ein wenig ging manchmal beim Spielen verloren, aber der Rest war da. Keiner von ihnen hatte wenig, sie hatten Silber und Scheine, aber sie hatten auch große Ausgaben. Eduard mußte für sich beständig Rauchtabak in Silberpapier halten, sonst würde er seekrank, behauptete er, und Abel war leider auch kein besserer Kerl, er hatte Auslagen für Sirupkuchen, für ein Pistol mit Zündplättchen, für Rotstifte, mit denen er auf die Hauswände schrieb. Das waren keine Kleinigkeiten; aber die Jungen waren fleißig und klebten förmlich an ihrem Boot.
Später, als die Schule sie im Ernst einfing, waren sie nicht mehr so sehr erpicht auf ihre Arbeit, es war eine Schande, wieviel Zeit und Kräfte sie auf ihre Aufgaben verwenden mußten. Sie hielten sich dafür schadlos, daß sie in der Stadt auf Erlebnisse ausgingen, und auf diese Weise gerieten sie auch in allerlei hinein. Ganz besonders hatten sie es auf zornige Gartenbesitzer abgesehen. Um freundliche Gartenbesitzer, wie den Postmeister und den Grütze-Olsen, kümmerten sie sich nicht, aber der Apotheker war ausgezeichnet. Im vorigen Jahre hatte er mit Salz nach ihnen geschossen, als sie eine Maus bis in seinen Garten hinein verfolgten, in diesem Jahr rächten sie sich dafür, sie scheuchten herzlos seine Hühner, rissen seine Flaggenschnur herunter und hielten seinen Garten vollständig frei von Obst.
Bei diesen Streichen hatten sie nun einen dritten Verschworenen bekommen, und dieser war überdies nur ein Mädchen, Klein-Lydia, eine rechte Range, aber eifrig und geschickt, besonders ein schlaues Füchslein, wenn es galt, auf dem Wachtposten zu sein und herannahende Gefahr zu melden.
Eduard war der größte von den dreien und auch am tüchtigsten im Pläne schmieden, aber Abel war leicht und mager und deshalb unentbehrlich beim Klettern und sich durch enge Löcher hindurchzuzwängen. Es kostete unendliche Mühe, herrliche schwarze Kirschen, die auf einem hohen Baum in des Apothekers Garten wuchsen, herunterzuholen, und wenn es gelingen sollte, mußte Abel auf das Dach des Nebengebäudes hinaufklettern und von da aus den Versuch machen. Es war ein später, aber mondheller Abend, alle drei waren auf ihrem Posten, Klein-Lydia steht mit spähenden Augen da, Eduard stützt die leeren Kisten, auf die Abel steigen soll, Abel selbst steigt hinauf. Es kostet Zeit, das steile Ziegeldach zu ersteigen, aber Abel klettert mit den Nägeln; als er endlich rücklings auf dem First sitzt, muß er noch ein gutes Stück nach der Seite rücken, um zu den Kirschen zu gelangen — und als er dicht vor dem Ziel ist, räuspert sich das Füchslein leise. Klein-Lydia hat den Lichtschein gesehen, der durch eine sich öffnende Tür in der Apotheke fällt. Jawohl, so war's. Aber jetzt ist das Eichhörnchen am Ziel, und es wagt einen Augenblick zu zögern; das Füchslein räuspert sich laut — der Apotheker steht plötzlich drunten am Hinterhaus. „Aha!” schreit er. „Komm herunter, du Satan! Nun sollst du sehen!”
Aber der Apotheker war der, der sehen mußte.
Zuerst regnete es Dachziegel auf ihn herunter, das Eichhörnchen verläßt das Dach auf der andern Seite, verfolgt von einem Steingeröll, verfolgt von Erdschollen, die hinter ihm herunterrollen. Er gelangt nicht auf die leeren Kisten, sondern fällt auf ein Staket, das ihn aufspießt, von da springt er schließlich auf die Straße hinaus, als ein geretteter, aber blutender Mann. Zu allem andern kam auch noch ein Schuß Salz durchs Staket, das drang mit Glanz durch Abels dünne Hose. Aber am schlimmsten war doch das Spottgelächter des Apothekers.
Und wie lief es ab, als die Jungen ihr ausgeliehenes Geld zurückfordern wollten?
Da hatten sie zwei Kameraden, die in Not gewesen waren, geholfen und ihnen einen anständigen Kassenkredit eröffnet, doch die Zeit verging und verging, und die Schuldner machten keine Miene, ihre Schulden zu bezahlen. Da wurden sie auf Tag und Stunde vorgeladen, eine große Versammlung fand sich ein, die Sünder ebenfalls, da sie aber sehr eingebildete Jungen waren, lächelten sie ihre Gläubiger, um sie zu ärgern, nur an. Aber Eduard und Abel hatten sich nun einmal vorgenommen, die Sache ins reine zu bringen, im Notfall mit Gewalt.
Eduard kommt zuerst daran.
Er geht direkt auf Reinert zu. Dieser ist der Sohn eines Küsters und hat moderne Kniehosen an, und die Uhrkette seines Vaters baumelt auf seiner Weste — auf ihn geht Eduard zu, ganz ruhig, wie wenn gar nichts los wäre, ja es ist, als wolle er ihm zum Gruß die Hand reichen. Aber da verbarg Eduard bloß eine teuflische List; plötzlich stößt er mit Arm und Faust zu und fährt kopfüber auf seinen Gegner los.