Die Versammelten wagen kaum zu atmen und sehen dem Auftritt mit gespanntester Aufmerksamkeit zu; die beiden wälzen sich am Boden, sie kommen wieder in die Höhe und tanzen auf dem ganzen Platze herum, sie sprühen Funken gegeneinander. Dann, in einem unseligen Augenblick, entdeckt Reinert, daß er die Uhrkette verloren hat; alle miteinander suchen sie, und Klein-Lydia, das Füchslein, findet sie im Kies.

„Gib her!” schreit Reinert. Aber Klein-Lydia hat besseren Verstand, sie läuft damit zu ihrem Bruder hin, und Eduard steckt die Kette in seine Tasche. „Aha,” sagt die Versammlung.

Hätte nun Reinert besser Zeit gehabt, dann hätte er sich vielleicht die Kette zurückerobert, aber er muß augenblicklich zum Gürtler mit ihr, um nicht mit einer zersprungenen Kette nach Hause zu kommen. „Ich bezahle!” ruft er Eduard zu; „ich wollte dich nur ein wenig reizen.” Und die Versammlung bekundet mit lauter Stimme ihren Beifall zu dieser Entscheidung.

Jetzt waren das Eichhörnchen und ein lustiger, fester Kerl, der den Spitznamen der Zeichenstift hatte, an der Reihe. Aber als Reinert, des Zeichenstifts großes Vorbild, den Walplatz verlassen mußte, war niemand mehr da, um diesem den Mut zu stählen, er sah sich verraten und verlassen, und da murmelte er: „Ich bezahl' auch.”

Auf diese Weise gab es allerlei Erlebnisse, nicht alle so einfach und ehrlich, aber alle lehrreich und je nachdem entwickelnd wirkend.

Nun kam eine Zeit, wo Abel etwas in die Höhe schoß und ordentlich heißhungrig wurde, gleichzeitig verlor er alle Arbeitslust, er war in recht frühzeitigen Flegeljahren. Das war keine gute Zeit für Abel. Als er sein bares Geld aufgebraucht hatte, konnte er sich beim Bäcker privatim keine Eßwaren mehr kaufen, da verdingte er sich beim Stadtingenieur für die Abende als Laufbursche und zum Holzspalten. In diesem Dienst bekam er großen Geschmack an verstohlenen Fahrten in den Straßen, er hängte sich nur mit ein paar Zoll seines Körpers an einen Wagen, um jeden Augenblick abspringen zu können, falls er entdeckt wurde. Er, der sich früher nie um Pferde und Fuhrwerke gekümmert hatte, hörte jetzt das Rasseln eines Wagens schon von weitem und paßte ihm eifrig auf, denn es war gar keine so leichte Kunst, im richtigen Moment auf einen Wagen zu springen.

Bei Stadtingenieurs bekam er außer etwas Lohn jeden Abend noch herrliche große Butterbrote, die ihm ordentlich aufhalfen und seine Lebensgeister stärkten. In dieser Stellung blieb er einen Monat um den andern den ganzen Winter hindurch, und in dieser Zeit traf er zwar mit Eduard noch in der Schule zusammen, erlebte aber keine weiteren Abenteuer mit ihm. Dagegen erlebte er ein Abenteuer mit Klein-Lydia: als er zwölf Jahr alt war, freite er um sie.

Er hatte ja Klein-Lydia die ganze Zeit über als ein gutes Mädchen gekannt und sich recht an sie angeschlossen; jetzt war sie überdies seit kurzem außerordentlich hübsch geworden, und er glaubte zu bemerken, daß der Küstersohn Reinert in seinen Kniehosen um sie herumschwänzelte. Da nahm sich Abel vor, rasch zu handeln.

Es ist Sonntag, sie sind drüben beim Fischer Jörgen, die Hühner laufen auf dem kleinen Hofe um sie herum, Abel und Klein-Lydia plaudern miteinander. Sie trägt ein schönes gelbes Kleid, weil es Sonntag ist, er aber ist an dem Tag angezogen wie am vorhergehenden und wie an allen andern Tagen auch, aber an so etwas denkt Abel nicht. Sie erklärt ihm gerade, sie könne nicht begreifen, daß sich Grütze-Olsens Ragna noch etwas aus Puppen mache: „Wenn ich doch meine Puppe gar nicht mehr ansehe.”

Hier dachte nun wohl Abel, wenn sie so erwachsen geworden sei, dann sei es auch hohe Zeit für ihn zum Handeln, und so legte er ihr seine Herzensfrage vor. Obgleich er nun ganz offen redete und alles Nötige sagte, verstand ihn Klein-Lydia gar nicht, sondern mußte ihn noch einmal fragen. Das war Abels schlimmster Augenblick. Nicht weil er an ihrer Antwort zweifelte, sie würde gewiß gleich ja sagen, so sehr wie sie seither im Leben verbunden waren. Aber als sie sein Anliegen noch einmal gehört hatte, runzelte sie die Stirn und sagte nein. Glatt nein!