Er sah sie forschend an, ob sie auch nüchtern sei.

Klein-Lydia dachte nach und überlegte wohl hin und her: der Freier tat ihr leid, ja wahrhaftig! Sie waren gute Freunde gewesen, und hatten sich gut gekannt, aber sich mit ihm verloben — nein! Allerdings war er ein Junggeselle, in dieser Beziehung stand nichts im Wege, aber sich wirklich mit ihm verloben — nein!

O die Frauen! Leider stand es so, daß er vorläufig, um eine Familie zu gründen, nichts anderes hatte, als seinen Laufdienst beim Stadtingenieur; aber er konnte ja steigen, was hinderte ihn daran, zu steigen? Und überdies sollte sie nicht übersehen, daß er mit ganz reellen Absichten vor ihr stand, Gott mochte wissen, in was sie mit dem Reinert in Kniehosen hineingeraten konnte! Aber die Frauen! „Nein!” sagte sie also und schüttelte den Kopf.

„Ja ja,” erwiderte er nur.

Da stand er wie begossen, und er war nicht einmal gefaßt genug, fortzugehen, am liebsten wäre er in den Boden versunken. Was hätte er tun sollen? Die Mütze hätte er abnehmen sollen und sich verbeugen — mein Fräulein! Nun mußte er aber doch etwas sagen, ein paar Abschiedsworte, um so mehr, als sie wohl nicht in Grund und Boden verdorben war. „Ja ja, leb wohl!” sagte er. Und als er ihr noch für alles danken wollte, konnte er es nicht, er fühlte, daß sich sein Gesicht verzerrte; ach, und wie er Klein-Lydia bedauerte wegen all des Kummers und des Elends, dem sie mit Reinert sicher entgegenging!

Dieses Erlebnis versetzte seinem Lebensmut einen schweren Schlag. Jetzt halfen nicht einmal mehr die Butterbrote beim Stadtingenieur, er wurde mager, war verfroren und zu allem unlustig, er versteckte sich in dunkle Winkel und verzehrte sich in Mutlosigkeit und Schwermut. Das waren die schwersten Wintermonate, die er je erlebt hatte. Schule und Hausaufgaben — ja, mit Maßen, gerade noch genügend! Fischerei — keine Spur! Niemand, dem er sich hätte anvertrauen können, allein in der Wüste zwischen Trümmern und Leid. Und Klein-Lydia, machte sie keine Annäherungen? Hatte sie ihn so bald vergessen? Es sah so aus, sie schien ihm auszuweichen. Nichts wäre leichter für sie gewesen, als merken zu lassen, daß auch sie tiefbetrübt sei; aber nein, nie kam sie eiligst dahergelaufen und warf sich reuevoll vor ihm auf die Knie.

Er bat seinen Vater, ihn doch gleich konfirmieren und dann auf die Kriegsschule gehen zu lassen. Der Vater spottete auch nicht über sein Kind, sondern beriet sich mit ihm darüber; aber es sei noch etwas zu früh, sagte er, gar nicht so sehr viel zu früh, nur ein wenig, es müßten noch einige Monate hingehen, und einige Monate, die vergingen wie im Flug. Abel werde schon sehen! Jetzt sei es gleich Frühling, und dann dürfe er mit Vater an Ostern oder an Pfingsten eine weite Fahrt machen.

Aber Abel machte sich nichts aus einer weiten Fahrt, er saß am liebsten in einem Winkel am Land und brütete. Was für eine Verwendung hatte er nun für Meer und Boot und Eier von den Brutplätzen und für Treibholz und Abenteuer? Er war weit, weit weg von all dem, eingefangen von einer schweren Windstille, der arme kleine Kreuzer.

Er kämpfte sich durch den Winter hindurch. Daheim hielt er sich gerade nur die Nacht auf, am Tage hatte er Schule und ab und zu eine todlangweilige Aufgabe zu machen, am Abend versah er seinen Dienst beim Stadtingenieur. Der kleine Streiter, gut, daß er es durchmachte! Frank, sein Bruder, ging ja seinen geraden Weg ohne jegliche Schwenkung — welch ein Unterschied zwischen den Brüdern! Er war fortgesetzt ein tüchtiger Schüler und behauptete seinen Freiplatz, er war das Licht, alle sahen seinen Glanz, und alle begriffen, daß dies etwas Außergewöhnliches war. Welch ein Unterschied zwischen den Brüdern, es war, als seien sie gar nicht von demselben Stamm. Jawohl, Frank hatte dieselben Eltern, aber wahrlich, seine Eltern schienen nicht mit ihm verwandt zu sein. Auch daheim in der Stube war er eigen, sehr wählerisch, sehr ernst und fleißig, gegen Abel tat er unerträglich erwachsen: „Das solltest du in diesem Alter wissen,” konnte er im Ton eines Schulmeisters sagen. Er hatte die Gewohnheit angenommen, Abel unnötig deutlich gewisse Höflichkeiten einzuprägen: „Wenn der Lehrer in die Klasse hereinkommt, mußt du aufstehen und grüßen, und wenn du das getan hast, darfst du nicht stehen bleiben, sondern mußt dich wieder setzen.” — „Affe!” sagte Abel.

Als Frank sein Examen in der Mittelschule gemacht hatte, handelte es sich darum, was er tun solle. Was er nun tun solle? Dasselbe wie vorher, was sonst! Konnte man hingehen und das scheinende Licht auslöschen? Das würde nicht mit dem guten Willen des Betreffenden geschehen. Aber während Franks Schicksal entschieden wurde, rieten ihm der Schulvorsteher und der Doktor mit andern jungen Leuten, die auch zuviel studiert hatten, einen stärkenden Ausflug ins Gebirge zu machen. Ehe er abzog, wog er seine Reisetasche auf einer Wage, nahm da etwas weg, legte dort etwas dazu, um das richtige Gewicht zu bekommen; er wog auch seine Schuhe in der Hand und fand sie unerlaubt schwer.