Ich versuchte die Replik eines Mönches zu formen, eine Replik, die von Kraft und Intoleranz strotzen sollte; aber es glückte mir nicht. Ich übersprang den Mönch und wollte eine Rede ausarbeiten, die Rede des Richters an die Tempelschänderin, und ich schrieb eine halbe Seite dieser Rede, dann hielt ich an. Es wollte nicht der richtige Geist über meine Worte kommen. Die Geschäftigkeit um mich her, die Aufgesänge, der Lärm der Gangspille und das ununterbrochene Rasseln der Eisenketten paßten so gar nicht in die Luft des dumpfen, moderigen Mittelalters, die wie ein Nebel über meinem Drama liegen sollte. Ich packte die Papiere zusammen und stand auf.
Aber trotzdem war ich herrlich ins Gleiten gekommen und fühlte klar, daß ich etwas ausrichten würde, wenn jetzt alles gut ginge. Wenn ich nur einen Platz wüßte, an dem ich mich aufhalten könnte! Ich dachte nach, blieb mitten auf der Straße stehen und dachte nach, wußte aber keinen einzigen stillen Ort in der ganzen Stadt, wohin ich mich für eine Weile hätte zurückziehen können. Es blieb kein anderer Ausweg, ich mußte in das Logishaus „Vaterland” zurück. Ich krümmte mich bei diesem Gedanken und sagte mir die ganze Zeit, daß das nicht anginge, aber ich glitt doch vorwärts und näherte mich beständig dem verbotenen Ort. Gewiß war es jämmerlich, das gab ich mir selbst zu, ja es war schmählich, richtig schmählich; aber da half nichts. Ich war nicht im geringsten hochmütig, ich durfte ruhig sagen, daß ich einer der am wenigsten hochmütigen Menschen war, die es heutzutage gab. Und ich ging.
An der Türe blieb ich stehen und überlegte noch einmal. Doch, gehe es wie es wolle, ich mußte es wagen! Um welche Bagatelle drehte es sich doch eigentlich? Erstens sollte es ja nur einige Stunden dauern, zweitens mochte Gott verhüten, daß ich später jemals wieder meine Zuflucht zu diesem Hause nahm. Ich ging in den Hof. Noch während ich über diese holperigen Steine im Hofplatz schritt, war ich wieder unentschlossen und hätte beinahe an der Türe kehrt gemacht. Ich biß die Zähne zusammen. Nein, nur keinen falschen Stolz! Schlimmstenfalls konnte ich mich damit entschuldigen, daß ich gekommen war, um Lebewohl zu sagen, um ordentlich Abschied zu nehmen und eine Verabredung wegen meiner kleinen Schuld zu treffen. Ich öffnete die Türe zum Vorzimmer.
Drinnen blieb ich wie angenagelt stehen. Gleich vor mir, nur im Abstand von zwei Schritten, war der Wirt selbst, ohne Hut und ohne Rock, und schaute durch das Schlüsselloch in das Zimmer der Familie. Er bedeutete mir mit einer stummen Bewegung der Hand, mich still zu verhalten, und schaute wieder durch das Schlüsselloch. Er stand da und lachte.
Kommen Sie her! sagte er flüsternd.
Ich näherte mich auf den Zehen.
Sehen Sie nur! sagte er und lachte mit einem leisen und heftigen Lachen. Schauen Sie hinein! Hihi! da liegen sie! Sehen Sie den Alten an! Können Sie den Alten sehen?
Im Bett, gerade unter dem Christus in Öldruck, und mir gegenüber, sah ich zwei Gestalten, die Wirtin und den fremden Steuermann; ihre Beine schimmerten weiß gegen das dunkle Federbett. Und im Bette an der anderen Wand saß ihr Vater, der lahme Greis, und sah über seine Hände gebeugt zu, wie gewöhnlich zusammengekrochen, ohne sich rühren zu können....
Ich drehte mich zu meinem Wirt um. Es kostete ihn die größte Mühe, nicht laut loszulachen. Er hielt sich die Nase zu.
Sahen Sie den Alten? flüsterte er. Mein Gott, sahen Sie den Alten? Da sitzt er und sieht zu! Und wieder neigte er sich zum Schlüsselloch herunter.