Ich ging ans Fenster und setzte mich nieder. Dieser Anblick hatte unbarmherzig alle meine Gedanken in Unordnung gebracht und meine reiche Stimmung ganz verschüttet. Nun, was ging es mich an? Wenn sich der Mann selbst darein fand, ja sogar sein großes Vergnügen daran hatte, so war für mich kein Grund vorhanden, es mir nahe gehen zu lassen. Und was den Greis betraf, so war der Greis eben ein Greis. Er sah es vielleicht nicht einmal; vielleicht saß er da und schlief. Gott weiß, ob er nicht sogar tot war. Es würde mich nicht wundern, wenn er dasäße und tot wäre, und ich machte mir kein Gewissen daraus.

Wieder nahm ich meine Papiere hervor und wollte alle nicht hierher gehörenden Gedanken zurückdrängen. Ich war mitten in einem Satz der Rede des Richters stehengeblieben: So befiehlt mir denn Gott und das Gesetz, so befiehlt mir denn der Rat der weisen Männer, befiehlt mir mein eigenes Gewissen.... Ich sah zum Fenster hinaus, um nachzudenken, was ihm sein eigenes Gewissen befehlen sollte. Aus dem Zimmer drang schwacher Lärm. Nun, das ging mich nichts an, gar nichts. Der Greis war außerdem tot, starb morgen vielleicht gegen vier Uhr. Es war mir also herzlich gleichgültig, was der Lärm bedeutete; warum zum Teufel saß ich da und machte mir darüber Gedanken? Ruhig jetzt!

So befiehlt mir denn mein eigenes Gewissen....

Aber alles hatte sich gegen mich verschworen. Der Mann stand durchaus nicht ganz ruhig an seinem Schlüsselloch, hie und da hörte ich sein unterdrücktes Lachen und sah, wie er sich schüttelte; auch auf der Straße ging manches vor, das mich zerstreute. Ein kleiner Junge saß auf dem anderen Gehsteig in der Sonne und bastelte für sich allein; er war ganz ahnungslos, knüpfte nur einige Papierstreifen zusammen und machte niemand Verdruß. Plötzlich springt er auf und flucht. Er geht nach rückwärts auf die Straße hinaus und erblickt einen Mann, einen erwachsenen Mann mit rotem Bart, der sich aus einem offenen Fenster im ersten Stock herauslehnt — und ihm auf den Kopf gespuckt hatte. Der Kleine heulte vor Zorn und fluchte ohnmächtig zum Fenster hinauf, und der Mann lachte ihm ins Gesicht; so vergingen vielleicht fünf Minuten. Ich wandte mich ab, um das Weinen des Knaben nicht zu sehen.

So befiehlt mir denn mein eigenes Gewissen, daß....

Es war mir unmöglich, weiter zu kommen. Zuletzt begann es vor mir zu flimmern; ich fand, daß alles, was ich bereits geschrieben hatte, unbrauchbar, ja daß das Ganze ein fürchterlicher Unsinn war. Man konnte gar nicht vom Gewissen im Mittelalter sprechen, das Gewissen wurde erst von dem Tanzlehrer Shakespeare erfunden, folglich war meine ganze Rede unrichtig. Stand dann also gar nichts Gutes in diesen Blättern? Ich durchlief sie rasch von neuem und löste sofort meine Zweifel; ich fand großartige Stellen, ganz lange Stücke von großer Merkwürdigkeit. Und nochmals jagte der berauschende Drang durch meine Brust, wieder anzupacken und das Drama zu Ende zu bringen.

Ich erhob mich und ging zur Türe ohne auf die wütenden Zeichen des Wirtes zu achten. Bestimmt und festen Sinnes ging ich aus dem Vorraum, stieg die Treppe zum ersten Stock hinauf und trat in mein altes Zimmer. Der Steuermann war ja nicht da, und was also hinderte mich, einen Augenblick hier zu sitzen? Ich würde nichts von seinen Sachen berühren, ich würde nicht einmal seinen Tisch benutzen, sondern mich auf einem Stuhl an der Türe niederlassen und damit zufrieden sein. Heftig falte ich die Papiere auf meinen Knien auseinander.

Jetzt ging es einige Minuten lang ganz ausgezeichnet. Replik auf Replik entstand vollkommen fertig in meinem Kopf, und ich schrieb ununterbrochen. Eine Seite nach der anderen füllt sich. Ich setze über Stock und Stein, winsle leise vor Entzücken über meine gute Stimmung und weiß beinahe nichts von mir selbst. Der einzige Laut, den ich in diesen Minuten höre, ist mein eigenes frohes Gewinsel. Auch eine besonders glückliche Idee mit einer Kirchenglocke, die an einem bestimmten Punkt im Drama mit ihrem Geläut einfallen sollte, kam mir in den Kopf. Alles ging überwältigend.

Da höre ich Schritte auf der Treppe. Ich bebe und bin beinahe außer mir, sitze sozusagen auf dem Sprung, scheu, wachsam, voller Angst vor allem und vom Hunger erregt; ich lausche nervös, halte den Bleistift still in der Hand und lausche, ich kann kein Wort mehr schreiben. Die Türe geht auf; das Paar aus der Stube unten tritt ein.

Noch bevor ich Zeit finde, um Entschuldigung zu bitten, ruft die Wirtin wie aus allen Wolken gefallen: Nein, Gott tröste und helfe uns, nun sitzt er doch wieder hier!