Nun stieg der Zorn in mir auf, glühend und brutal. Ich holte mein Paket im Torweg, biß die Zähne zusammen und rannte auf dem Gehsteig friedliche Leute an und bat nicht um Entschuldigung. Als ein Herr stehen blieb und mich wegen meines Betragens ein wenig scharf zurechtwies, wandte ich mich um und schrie ihm ein einzelnes, sinnloses Wort ins Ohr, ballte die Hände dicht unter seiner Nase und ging weiter, von einer blinden Raserei verhärtet, die ich nicht zu zügeln vermochte. Er rief nach einem Schutzmann und ich wünschte mir nichts lieber, als einen Schutzmann einen Augenblick zwischen die Hände zu bekommen. Ich verlangsamte mit Absicht meinen Gang, um ihm Gelegenheit zu geben, mich einzuholen; aber er kam nicht. Lag nun auch noch irgendein Sinn darin, daß absolut alle innigsten und eifrigsten Versuche eines Menschen mißglücken mußten? Weshalb hatte ich nur 1848 geschrieben? Was scherte mich diese verdammte Jahreszahl? Nun ging ich hier und hungerte, daß meine Gedärme wie Würmer in mir zusammenkrochen. Und es stand nirgends geschrieben, daß ich auch nur ein wenig zu essen bekommen sollte, ehe der Tag zu Ende ginge. Und je länger es dauerte, desto mehr wurde ich geistig und körperlich ausgehöhlt; ich ließ mich mit jedem Tag zu weniger und weniger ehrenhaften Handlungen herab. Ich log mich durch, ohne mich zu schämen, prellte arme Leute um die Miete, kämpfte sogar mit dem nichtswürdigen Gedanken, mich an anderer Leute Bettdecken zu vergreifen, alles ohne Reue, ohne schlechtes Gewissen. Verfaulte Flecken kamen in mein Inneres, schwarze Schwämme, die sich immer mehr ausbreiteten. Und droben im Himmel saß Gott und hatte ein wachsames Auge auf mich und sah voraus, daß mein Untergang nach allen Regeln der Kunst vor sich gehen würde, stetig und langsam, ohne Verstoß gegen das Zeitmaß. Aber im Abgrund der Hölle gingen die argen Teufel umher und verschnauften sich vor Ungeduld, weil es so lange dauerte, bis ich eine Kapitalsünde beging, eine unverzeihliche Sünde, für die mich Gott in seiner Gerechtigkeit hinabstoßen mußte....

Ich beschleunigte meinen Gang, trieb es zu tollerer und tollerer Fahrt, machte plötzlich linksum und kam erregt und zornig in ein helles, geschmücktes Tor. Ich blieb nicht stehen, hielt mich nicht eine Sekunde auf; aber die ganze, eigentümliche Ausstattung des Tores drang augenblicklich in mein Bewußtsein ein, jede Unwichtigkeit an den Türen, den Dekorationen, am Pflaster, stand klar vor meinem inneren Blick, während ich die Treppen hinaufsprang. Im ersten Stock läutete ich heftig. Warum mußte ich gerade im ersten Stock anhalten? Und warum gerade nach diesem Glockenzug greifen, der am weitesten von der Treppe entfernt war?

Eine junge Dame in grauem Kleid mit schwarzen Verzierungen öffnete die Tür; sie sah mich eine kleine Weile erstaunt an, darauf schüttelte sie den Kopf und sagte:

Nein, heute haben wir nichts. Und sie machte Miene, die Türe zu schließen.

Warum war ich auch gerade auf dieses Menschenkind gestoßen? Sie hielt mich ohne weiteres für einen Bettler, und ich wurde mit einem Mal kalt und ruhig. Ich nahm den Hut ab und machte eine ehrerbietige Verbeugung, als hätte ich ihre Worte nicht gehört, und sagte äußerst höflich:

Ich bitte es zu entschuldigen, Fräulein, daß ich so stark geläutet habe, ich kannte die Glocke nicht. Hier soll ein kranker Herr wohnen, der nach einen Mann ausgeschrieben hat, um sich im Rollstuhl fahren zu lassen?

Sie stand eine Weile und schmeckte an dieser lügenhaften Erfindung und schien in ihrer Meinung über meine Person im Zweifel zu sein.

Nein, sagte sie zuletzt, nein, hier wohnt kein kranker Herr.

Nicht? Ein älterer Herr, zwei Stunden Fahrzeit am Tag, vierzig Öre für die Stunde?

Nein.