Dann bitte ich nochmals um Entschuldigung, sagte ich; es ist vielleicht im Erdgeschoß. Ich wollte nur einen Mann empfehlen, den ich zufällig kenne, und für den ich mich interessiere. Mein Name ist Wedel-Jarlsberg. — Und ich verbeugte mich wieder und trat zurück. Die junge Dame wurde flammend rot, in ihrer Verlegenheit konnte sie sich nicht vom Fleck rühren, sondern stand und starrte mir nach, als ich die Treppe hinunterging.

Meine Ruhe war zurückgekehrt, und mein Kopf war klar. Die Worte der Dame, daß sie heute nichts für mich hätte, waren wie ein kalter Strahl gewesen. Soweit war es gekommen, daß jedermann in seinen Gedanken auf mich deuten und zu sich sagen konnte: Dort geht ein Bettler, einer von jenen, die ihre Nahrung bei den Leuten durch die Wohnungstüren hinausgereicht bekommen!

In der Möllerstraße blieb ich vor einer Wirtschaft stehen und schnupperte nach dem frischen Duft von Fleisch, das drinnen gebraten wurde; ich hatte die Hand schon auf der Türklinke und wollte, ohne dort etwas zu tun zu haben, hineingehen, bedachte mich aber noch rechtzeitig und ging fort. Als ich zum Stortorv kam und nach einem Platz zum Ausruhen suchte, waren alle Bänke besetzt und ich ging vergebens rund um die ganze Kirche herum und spähte nach einem stillen Ort, wo ich mich niederlassen konnte. Natürlich! sagte ich finster zu mir, natürlich, natürlich! Und ich begann wieder zu gehen. Ich machte einen Abstecher zum Brunnen an der Basarecke hinunter und trank einen Schluck Wasser, ging von neuem, schleppte mich Fuß für Fuß vorwärts, nahm mir Zeit zu langen Pausen vor jedem Schaufenster, blieb stehen und folgte mit den Augen jedem Wagen, der vorbei kam. Ich fühlte eine leuchtende Hitze in meinem Kopf und es klopfte seltsam an meinen Schläfen. Das Wasser, das ich getrunken, bekam mir höchst schlecht, und ich erbrach mich da und dort in der Straße. So kam ich bis ganz hinauf zum Christusfriedhof. Ich setzte mich, mit den Ellbogen auf den Knieen und den Kopf in den Händen; in dieser zusammengezogenen Stellung war mir wohl, und ich fühlte das schwache Nagen in der Brust nicht mehr.

Ein Steinmetz lag neben mir auf dem Bauch über einer großen Granitplatte und haute eine Inschrift ein; er hatte eine blaue Brille auf und erinnerte mich mit einem Mal an einen Bekannten von mir, den ich beinahe vergessen hatte, einen Mann, der in einer Bank beschäftigt war, und den ich vor längerer Zeit im Oplandske-Café getroffen hatte.

Könnte ich nur aller Scham den Kopf abbeißen und mich an ihn wenden! Ihm geradeheraus die Wahrheit sagen; sagen, daß es mir gegenwärtig ziemlich schlecht ging und es mir sehr schwer wurde, mich am Leben zu erhalten! Ich könnte ihm mein Barbierabonnement geben .... Tod und Teufel, mein Barbierbuch! Karten für annähernd eine Krone! Und ich fasse nervös nach diesem kostbaren Schatz. Als ich es nicht schnell genug finde, springe ich auf, suche in Angstschweiß gebadet danach, finde es endlich auf dem Grund der Brusttasche zusammen mit anderen Papieren, reinen und beschriebenen, ohne Wert. Ich zähle diese sechs Karten viele Male von vorn und von hinten; ich hatte sie nicht durchaus notwendig, es konnte ja eine Laune von mir sein, ein Einfall, daß ich mich nicht mehr rasieren lassen wollte. Mir wäre mit einer halben Krone geholfen, einer weißen halben Krone aus Silber von Kongsberg! Die Bank wurde um sechs Uhr geschlossen, ich konnte meinen Mann außerhalb Oplandske gegen sieben, acht Uhr abpassen.

Ich saß da und freute mich eine lange Weile an diesem Gedanken. Die Zeit ging, es blies tüchtig in den Kastanien um mich her, und der Tag neigte sich. War es nun nicht doch ein wenig beschämend, mit sechs Rasierkarten zu einem jungen Herrn zu kommen, der in einer Bank angestellt war? Er hatte vielleicht zwei dickvolle Barbierbücher in der Tasche, viel schönere und reinere Karten als meine eigenen, niemand konnte dies wissen. Und ich suchte in allen meinen Taschen nach anderen Dingen, die ich noch mit drein geben könnte, fand aber nichts. Wenn ich ihm nur meinen Schlips anbieten könnte! Ich konnte ihn gut entbehren, falls ich den Rock fest zuknöpfte, was ich ohnehin tun mußte, da ich keine Weste mehr hatte. Ich löste den Schlips, eine große Deckschleife, die meine halbe Brust versteckte, putzte ihn sorgfältig ab und packte ihn in ein Stück weißes Schreibpapier mit dem Barbierbuch zusammen ein. Dann verließ ich den Friedhof und ging hinunter zum Oplandske.

Am Rathaus war es sieben Uhr. Ich bewegte mich in der Nähe des Cafés, pendelte am Eisengitter entlang auf und nieder und hielt scharfen Ausguck auf alle, die durch die Türe kamen und gingen. Endlich, gegen acht Uhr, sah ich den jungen Mann frisch und elegant die Straße heraufkommen und auf die Türe des Cafés zuschwenken. Mein Herz flatterte wie ein kleiner Vogel in meiner Brust, als ich ihn zu Gesicht bekam, und ich stürzte blindlings auf ihn zu, ohne zu grüßen.

Eine halbe Krone, alter Freund! sagte ich und stellte mich frech; hier — hier haben Sie Valuta. — Und ich steckte ihm das Päckchen in die Hand.

Hab' ich nicht! sagte er, nein, weiß Gott, ob ich sie habe! — Er stülpte seinen Geldbeutel vor meinen Augen um. — Ich war gestern abend aus und bin blank; Sie dürfen es mir glauben, ich habe nichts.

Nein, nein, mein Lieber, das ist wohl so! antwortete ich und glaubte seinen Worten. Er hatte ja keinen Grund, wegen einer solchen Kleinigkeit zu lügen; es kam mir auch so vor, als seien seine blauen Augen beinahe feucht geworden, da er seine Taschen untersuchte und nichts fand. Ich zog mich zurück. Entschuldigen Sie nur! sagte ich, ich war nur in einer kleinen Verlegenheit.