Aber mein Gehirn kam immer mehr in Verwirrung. Zuletzt sprang ich aus dem Bett, um die Wasserleitung zu suchen. Ich war nicht durstig, doch mein Kopf fieberte, und ich fühlte einen instinktmäßigen Drang nach Wasser. Als ich getrunken hatte, legte ich mich wieder nieder und versuchte mit Gewalt und Macht, nun zu schlafen. Ich schloß die Augen und zwang mich, ruhig zu sein. So lag ich mehrere Minuten ohne eine Bewegung, kam in Schweiß und fühlte das Blut heftig durch die Adern stoßen. Nein, das war doch zu köstlich, daß er in dieser Tüte nach Geld suchen konnte! Er hustete auch nur einmal. Ob er wohl noch da unten umhergeht? Auf meiner Bank sitzt?.... Das blaue Perlmutter.... Die Schiffe....
Ich öffnete die Augen. Wie sollte ich sie auch geschlossen halten, wenn ich nicht schlafen konnte! Und die gleiche Finsternis brütete um mich, die gleiche unergründliche schwarze Ewigkeit, an der meine Gedanken aufsteilten und die sie nicht fassen konnten. Womit war sie doch zu vergleichen? Ich machte die verzweifeltsten Anstrengungen, ein Wort zu finden, das schwarz genug wäre, diese Finsternis zu bezeichnen. Ein Wort, so grausam schwarz, daß es meinen Mund schwärzen mußte, wenn ich es aussprach. Herrgott, wie dunkel war es doch! Und wieder beginne ich an den Hafen zu denken, an die Schiffe, diese schwarzen Ungeheuer, die dort lagen und auf mich warteten. Sie wollten mich an sich saugen und mich festhalten und über Land und Meere mit mir segeln, durch dunkle Reiche, die noch kein Mensch erschaut hat. Ich fühle mich an Bord, vom Wasser angezogen, in den Wolken schwebend, sinkend, sinkend.... Ich stoße einen heiseren Angstschrei aus und klammere mich fest ans Bett; ich hatte eine gefährliche Reise gemacht, war wie ein Bündel durch die Luft herabgesaust. Wie erlöst ich mir nicht vorkam, als ich mit der Hand gegen die harte Pritsche schlug! So ist es, wenn man stirbt, sagte ich zu mir, nun mußt du sterben! Und ich lag eine kleine Weile da und dachte darüber nach, daß ich nun sterben sollte. Da richte ich mich im Bett auf und frage streng: Wer sagte, daß ich sterben soll? Habe ich das Wort erfunden? Dann ist es auch mein gutes Recht, selbst zu bestimmen, was es bedeuten soll....
Ich hörte, daß ich phantasierte, hörte es noch, während ich sprach. Mein Wahnsinn war ein Delirium der Schwäche und der Erschöpfung, aber ich war nicht bewußtlos. Und der Gedanke, daß ich wahnsinnig geworden sei, fuhr mir mit einem Schlag durch das Gehirn. Von Schrecken ergriffen, fahre ich aus dem Bett. Ich taumle zur Türe hin, die ich zu öffnen versuche, werfe mich ein paarmal dagegen, um sie zu sprengen, stoße meinen Kopf gegen die Wand, jammere laut, beiße mich in die Finger, weine und fluche....
Alles war ruhig; meine eigene Stimme nur wurde von den Mauern zurückgeworfen. Außerstande, länger in der Zelle umherzutoben, war ich zu Boden gefallen. Da erspähe ich hoch oben, mitten vor meinen Augen, ein graues Viereck in der Wand, einen Schimmer von Weiß, eine Ahnung — es war das Tageslicht. Oh, wie köstlich atmete ich auf! Ich warf mich flach auf den Boden und weinte vor Freude über diesen gesegneten Schimmer des Lichts, schluchzte vor Dankbarkeit, küßte in die Luft gegen das Fenster hin und betrug mich wie ein Verrückter. Und auch in diesem Augenblick war ich mir bewußt, was ich tat. Aller Mißmut war mit einem Mal fort, alle Verzweiflung und aller Schmerz hatten aufgehört, ich hatte in diesem Augenblick keinen unerfüllten Wunsch, so weit meine Gedanken reichten. Ich setzte mich aufrecht auf den Boden, faltete die Hände und wartete geduldig auf den Anbruch des Tages.
Welch eine Nacht war dies gewesen! Daß man den Lärm nicht gehört hatte! dachte ich verwundert. Aber ich war ja auch in der reservierten Abteilung, hoch über allen Gefangenen. Ein obdachloser Staatsrat, wenn ich so sagen durfte. Beständig in der besten Stimmung, die Augen der immer helleren und helleren Scheibe in der Mauer zugewandt, belustigte ich mich damit, den Staatsrat zu agieren, nannte mich von Tangen und gab meiner Rede Departementsstil. Meine Phantasien hatten nicht aufgehört, nur war ich nun viel weniger nervös. Wenn ich doch nur nicht die bedauerliche Gedankenlosigkeit gehabt hätte, meine Brieftasche daheim zu lassen! Ob ich nicht die Ehre haben dürfe, den Herrn Staatsrat ins Bett zu bringen? Und mit äußerstem Ernst, mit vielen Zeremonien ging ich zur Pritsche hin und legte mich nieder.
Nun war es so hell geworden, daß ich den Umriß der Zelle einigermaßen erkennen konnte, und bald darauf konnte ich den schweren Handgriff an der Türe sehen. Dies zerstreute mich. Die einförmige Dunkelheit, so aufreizend dicht, daß sie mich daran hinderte, mich selbst zu sehen, war gebrochen; mein Blut wurde ruhiger und bald fühlte ich, wie meine Augen sich schlossen.
Durch ein paar Schläge an meiner Türe wurde ich geweckt. In aller Hast sprang ich auf und zog mich eiligst an; meine Kleider waren noch von gestern abend durchnäßt.
Ihr müßt Euch unten beim Jourhabenden melden, sagte der Schutzmann.
So sind also wieder Formalitäten zu überstehen! dachte ich erschrocken.