Und dann wird es ausgelöscht?

Dann wird es ausgelöscht.

Ich setzte mich auf das Bett und hörte, wie der Schlüssel umgedreht wurde. Die helle Zelle sah freundlich aus; mir war gut und wohl zumute, heimisch, und ich lauschte dem Regen draußen mit Wohlbehagen. Ich konnte mir nichts Besseres wünschen, als solch eine behagliche Zelle! Meine Zufriedenheit stieg. Auf dem Bett sitzend, den Hut in der Hand und die Augen auf die Gasflamme an der Wand geheftet, fing ich an, über die Augenblicke meines ersten Zusammentreffens mit der Polizei nachzudenken. Dies war das erste Mal gewesen, und wie hatte ich sie genarrt! Journalist Tangen, wie bitte? Und dann das „Morgenblatt”! Wie hatte ich den Mann gerade ins Herz getroffen mit dem „Morgenblatt”. Darüber sprechen wir nicht, was? In Gala bis zwei Uhr im Stiftsgaard gesessen, den Torschlüssel vergessen und eine Brieftasche mit einigen Tausend daheim! Führen Sie den Herrn in die reservierte Abteilung hinauf....

Da verlöscht plötzlich das Gas, ganz wunderbar plötzlich, ohne abzunehmen, ohne einzuschrumpfen. Ich sitze in einer tiefen Finsternis, kann meine Hand nicht sehen, nicht die weißen Wände rund um mich, nichts. Was war da anderes zu tun, als zu Bett zu gehen? Und ich kleidete mich aus.

Aber ich konnte nicht schlafen. Eine Zeitlang blieb ich liegen und sah in die Finsternis, in diese dicke Massenfinsternis, die keinen Boden hatte, die ich nicht begreifen konnte. Meine Gedanken konnten sie nicht erfassen. Sie schien mir über alle Maßen dunkel und ich fühlte mich durch ihre Nähe bedrückt. Ich schloß die Augen, begann halblaut zu singen und warf mich auf die Pritsche, um mich zu zerstreuen; aber ohne Erfolg. Die Dunkelheit hatte mein Denken ergriffen und ließ mich keinen Augenblick in Frieden. Wie, wenn ich selbst in Dunkelheit aufgelöst und eins mit ihr würde? Ich richte mich im Bett auf und schlage mit den Armen um mich.

Mein nervöser Zustand hatte sich verschlimmert und ich versuchte, mich aus allen Kräften zu wehren, aber es half nichts. Da saß ich, eine Beute der seltsamsten Phantasien, mich selbst beschwichtigend, Wiegenlieder summend und schwitzend vor der Anstrengung, mich zur Ruhe zu bringen. Ich starrte in die Dunkelheit hinaus, ich hatte niemals in meinem Leben eine solche Finsternis gesehen. Es war kein Zweifel darüber, daß ich mich hier einer eigenen Art von Finsternis gegenüber befand, einem desperaten Element, auf das niemand vorher geachtet hatte. Die lächerlichsten Gedanken beschäftigten mich und jedes Ding erschreckte mich. Ein kleines Loch in der Wand bei meinem Bett nahm mich sehr in Anspruch. Ein Loch von einem Nagel, das ich in der Wand finde, ein Zeichen in der Mauer. Ich fühle es an, blase hinein und versuche seine Tiefe zu erraten. Das war nicht irgendein unschuldiges Loch, durchaus nicht; es war ein ganz tückisches und geheimnisvolles Loch, vor dem ich mich hüten mußte. Und von dem Gedanken an dieses Loch besessen, ganz außer mir vor Neugierde und Furcht, mußte ich zuletzt vom Bett aufstehen und nach meinem halben Federmesser suchen, um die Tiefe zu messen und mich zu vergewissern, daß es nicht ganz in die Nebenzelle hinüberführte.

Ich legte mich zurück, um Schlaf zu finden, in Wirklichkeit aber nur, um wiederum mit der Dunkelheit zu kämpfen. Der Regen draußen hatte aufgehört, und ich vernahm keinen Laut. Eine Zeitlang fuhr ich fort, nach Fußtritten auf der Straße zu lauschen, und ich gönnte mir keinen Frieden, bevor ich nicht einen Fußgänger vorbeigehen gehört hatte, den Schritten nach zu urteilen ein Schutzmann. Plötzlich knipse ich mehrere Male mit dem Finger und lache. Zum Teufel auch! Ha! — Ich bildete mir ein, ein neues Wort gefunden zu haben. Ich richte mich im Bett auf und sage: Das gibt es in der Sprache noch nicht, ich habe es erfunden, Kuboaa. Es hat Buchstaben wie ein Wort, beim süßesten Gott, Mensch, du hast ein Wort erfunden.... Kuboaa.... von großer grammatikalischer Bedeutung.

Das Wort stand in der Dunkelheit ganz deutlich vor mir.

Mit offenen Augen sitze ich da, erstaunt über meinen Fund und lache vor Freude. Dann beginne ich zu flüstern; man konnte mich belauschen, und ich gedachte meine Erfindung geheimzuhalten. Ich war in den frohen Wahnwitz des Hungers verfallen, war leer und schmerzfrei und meine Gedanken waren ohne Zügel. Und still erwäge ich alles bei mir selbst. Mit den seltsamsten Gedankensprüngen suche ich die Bedeutung meines neuen Wortes zu erforschen. Es brauchte weder Gott noch Tivoli zu heißen, und wer hatte gesagt, daß es Tierschau bedeuten solle? Heftig ballte ich die Hand und wiederholte noch einmal: Wer hat behauptet, daß es Tierschau bedeuten soll? Wenn ich es recht bedachte, war es nicht einmal notwendig, daß es Anhängeschloß oder Sonnenaufgang bedeutete. Für ein solches Wort wie dieses war es nicht schwierig, einen Sinn zu finden. Ich wollte warten und mir Zeit lassen. Inzwischen konnte ich darüber schlafen.

Ich liege auf der Pritsche und lache leise, sage aber nichts, vermeide jede Entscheidung. Es vergehen einige Minuten, ich werde nervös, das neue Wort plagt mich ohne Unterlaß, kehrt stets zurück, bemächtigt sich zuletzt aller meiner Gedanken und macht mich ernst. Ich hatte mir wohl eine Meinung dafür gebildet, was es nicht bedeuten sollte, aber keine Bestimmung darüber gefaßt, was es bedeuten sollte. Das ist eine Nebenfrage! sage ich laut vor mich hin, packe mich am Arm und wiederhole, es sei eine Nebenfrage. Das Wort war Gott sei Lob gefunden, und das war die Hauptsache. Aber es plagt mich endlos und hindert mich daran, einzuschlafen; nichts war mir gut genug für dieses seltene Wort. Endlich erhebe ich mich wieder im Bett, greife mir mit beiden Händen an den Kopf und sage: Nein, gerade das ist ja unmöglich, Auswanderung oder Tabakfabrik darf es nicht bedeuten! Hätte es so etwas bedeuten können, würde ich mich längst dafür entschieden und die Folgen auf mich genommen haben. Nein, eigentlich war das Wort geeignet, etwas Seelisches zu bedeuten, ein Gefühl, einen Zustand — ob ich das nicht begreifen könne? Und ich besinne mich auf etwas Seelisches. Da ist es mir, als spräche jemand, mische sich in meine Auseinandersetzungen, und ich antworte zornig: Wie bitte? Nein, solch einen Idioten gibt es doch nicht wieder! Strickgarn? Fahr zur Hölle! Warum sollte ich dazu verpflichtet sein, es Strickgarn heißen zu lassen, wenn ich gerade dagegen etwas hatte, daß es Strickgarn bedeutete? Ich selbst hatte das Wort erfunden und war deshalb in meinem guten Recht, es bedeuten zu lassen, was ich nur wollte. Soviel ich wußte, hatte ich noch nichts darüber geäußert....