Ach, ich hatte nicht mehr das richtige Zeug in mir. Mädchen waren für mich beinahe wie Männer geworden, die Not hatte mich ausgedörrt. Ich hatte das Gefühl, daß ich mich dieser aparten Dirne gegenüber in einer jämmerlichen Lage befand und beschloß, den Schein zu retten.

Wie heißen Sie? fragte ich. Marie? Na! Hören Sie nun zu, Marie! Und ich erklärte ihr mein Betragen. Das Mädchen wurde immer erstaunter. Ob sie also geglaubt habe, daß auch ich einer von denen sei, die an den Abenden auf die Straßen gingen und kleine Mädels kaperten? Ob sie wirklich etwas so Schlechtes von mir geglaubt habe? Hatte ich vielleicht zu Beginn etwas Unartiges zu ihr gesagt? Betrug man sich so wie ich, wenn man etwas Böses vor hatte? Kurz und gut, ich habe sie angesprochen und sei ein paar Schritte mit ihr gegangen, um zu sehen, wie weit sie es treiben würde. Übrigens sei mein Name der und der, Pastor so und so. Gute Nacht! Gehe hin und sündige nicht mehr.

Damit ging ich.

Entzückt über meinen guten Einfall rieb ich mir die Hände und sprach laut mit mir selbst. Welche Freude war es doch, umherzugehen und gute Werke zu tun! Vielleicht hatte ich diesem gefallenen Geschöpf einen Anstoß zur Besserung für das ganze Leben gegeben! Und sie würde das anerkennen, wenn sie sich darauf besänne, sich sogar in ihrer Todesstunde, das Herz voll Dank, meiner erinnern. Oh, es lohnte sich trotzdem, ehrlich zu sein, ehrlich und rechtschaffen! Meine Laune war strahlend, ich fühlte mich frisch und mutig zu allem, was es auch sein mochte. Wenn ich nur ein Licht hätte, dann könnte ich vielleicht meinen Artikel fertig schreiben! Ich ging und schlenkerte mit meinem neuen Torschlüssel, summte, pfiff und sann darüber nach, wie ich mir Kredit verschaffen konnte. Es blieb nichts anderes übrig, ich mußte meine Schreibsachen herunterholen, auf die Straße heraus, unter die Gaslaterne. Und ich öffnete das Tor und ging hinauf, um meine Papiere zu holen.

Als ich wieder herunterkam, schloß ich das Tor von außen zu und stellte mich in den Lichtschein. Es war überall still, ich hörte nur den schweren, klirrenden Schritt eines Schutzmannes unten in einer Querstraße, und weit weg, in der Richtung von St. Hanshaugen, einen bellenden Hund. Nichts störte mich, ich zog den Rockkragen über die Ohren und begann aus allen Kräften zu denken. Es würde mir großartig weiterhelfen, wenn ich so glücklich wäre, den Schluß dieser kleinen Abhandlung zustande zu bringen. Ich befand mich eben an einem etwas schwierigen Punkt, es sollte ein ganz unmerklicher Übergang zu etwas Neuem kommen, darauf ein gedämpftes, gleitendes Finale, ein langes Knurren, das zuletzt in einer Klimax enden sollte, so steil, so aufwühlend, wie ein Schuß oder wie der Krach eines berstenden Felsens. Punktum.

Aber die Worte wollten mir nicht einfallen. Ich las das ganze Stück von Anfang an durch, las jeden Satz laut, konnte aber meine Gedanken durchaus nicht zu dieser berstenden Klimax sammeln. Während ich dastand und daran arbeitete, kam obendrein der Schutzmann, stellte sich ein Stück weit von mir entfernt mitten in der Straße auf und verdarb meine ganze Stimmung. Was ging es nun ihn an, daß ich in diesem Augenblick dastand und an einer ausgezeichneten Klimax zu einem Artikel für den „Kommandeur” arbeitete? Herrgott, es war rein unmöglich, mich über Wasser zu halten, was ich auch versuchte! Ich stand eine ganze Stunde da, der Schutzmann ging seines Weges und die Kälte wurde zu groß, um ruhig stehen zu bleiben. Mutlos und verzagt über diesen neuen vergeblichen Versuch öffnete ich endlich wieder das Tor und ging in mein Zimmer hinauf.

Es war kalt da oben, und ich konnte in dieser dicken Finsternis kaum mein Fenster sehen. Ich tastete mich zum Bett vor, zog die Schuhe aus und wärmte meine Füße zwischen den Händen. Dann legte ich mich nieder — so wie ich es seit langer Zeit zu tun pflegte, ganz einfach wie ich ging und stand, in allen Kleidern.


Sobald es am nächsten Morgen hell wurde, setzte ich mich im Bett auf und nahm meinen Artikel wieder in Angriff. In dieser Stellung saß ich bis zum Mittag und hatte dann ungefähr zehn, zwanzig Zeilen zustande gebracht. Und ich war noch nicht zum Finale gekommen.

Ich stand auf, zog die Schuhe an und begann im Zimmer auf und ab zu gehen, um warm zu werden. Auf den Fensterscheiben lag Eis; ich sah hinaus, es schneite, unten im Hinterhof lag eine dicke Schicht Schnee auf dem Pflaster und auf dem Pumpbrunnen.