Ich kramte im Zimmer umher, ging willenlos auf und ab, kratzte mit den Nägeln an der Wand, legte meine Stirne vorsichtig an die Türe, klopfte mit dem Zeigefinger auf den Boden und horchte aufmerksam, alles ohne irgendeinen Sinn, sondern still und nachdenklich, als hätte ich eine wichtige Sache vor. Und dabei sagte ich ein über das andere Mal laut, so daß ich es selbst hörte: Aber, du guter Gott, das ist doch Wahnsinn! Und so trieb ich es ununterbrochen weiter. Nach Verlauf langer Zeit, vielleicht einiger Stunden, nahm ich mich fest zusammen, biß mich in die Lippe und straffte mich auf, so gut ich konnte. Es mußte ein Ende haben! Ich suchte einen Splitter, um darauf zu kauen, und setzte mich entschlossen wieder zum Schreiben hin.
Ein paar kurze Sätze kamen mit großer Mühe zustande, ein Dutzend ärmlicher Worte, die ich mir mit Gewalt abrang, um nur überhaupt vorwärts zu kommen. Dann hielt ich an, mein Kopf war leer, ich konnte nicht mehr. Und da ich durchaus nicht mehr weiterkommen konnte, starrte ich mit weit offenen Augen auf diese letzten Worte, diesen unbeendeten Bogen, gaffte diese seltsamen zitternden Buchstaben an, die mich vom Papier aus wie kleine stachelige Figuren anstarrten, und zuletzt begriff ich das Ganze nicht mehr, ich dachte an nichts.
Die Zeit verging. Ich hörte den Verkehr auf der Straße, den Lärm von Wagen und Pferden. Jens Olais Stimme stieg aus dem Stall zu mir herauf, wenn er mit den Pferden schwätzte. Ich war ganz schläfrig, saß da und schmatzte ein wenig mit dem Mund, tat aber sonst gar nichts. Meine Brust war in einer traurigen Verfassung. Es begann zu dämmern, ich fiel immer mehr zusammen, wurde müde und legte mich auf das Bett zurück. Um meine Hände ein wenig zu wärmen, strich ich mit den Fingern durch das Haar vor und zurück, kreuz und quer; es gingen kleine Zotteln mit, losgelöste Büschel, die sich zwischen die Finger legten und auf das Kopfkissen fielen. Ich dachte nichts dabei, es war, als ginge es mich nichts an, ich hatte auch noch genug Haare. Ich versuchte wieder, mich aus dieser seltsamen Betäubung aufzurütteln, die mir wie ein Nebel durch alle Glieder glitt, setzte mich aufrecht, schlug mir mit der flachen Hand auf die Knie, hustete, so fest es meine Brust zuließ — und fiel wiederum zurück. Nichts half. Ich starb mit offenen Augen hilflos dahin, geradeaus auf die Decke starrend. Zuletzt steckte ich den Zeigefinger in den Mund und sog daran. In meinem Gehirn begann sich etwas zu rühren, ein Gedanke, der sich da drinnen hervorarbeitete, ein ganz toller Einfall: Wenn ich nun zubiß? Und ohne mich einen Augenblick zu bedenken, kniff ich die Augen zu und schlug die Zähne zusammen.
Ich sprang auf. Endlich war ich wach geworden. Es sickerte ein wenig Blut aus dem Finger, und ich schleckte es immer wieder ab. Es tat nicht weh, die Wunde war auch nicht der Rede wert. Aber ich war mit einem Mal zu mir selbst gekommen, schüttelte den Kopf, ging zum Fenster und suchte nach einem Lappen für die Wunde. Während ich dastand und mich mit ihr beschäftigte, trat mir das Wasser in die Augen, ich weinte leise vor mich hin. Dieser magere, zerbissene Finger sah so traurig aus. Gott im Himmel, wie weit war es nun mit mir gekommen.
Die Dunkelheit wurde dichter. Vielleicht war es nicht unmöglich, daß ich mein Finale im Laufe des Abends fertig schreiben konnte, wenn ich nur eine Kerze hatte. Mein Kopf war wieder klar geworden, die Gedanken kamen und gingen wie gewöhnlich, und ich litt nicht sehr. Nicht einmal den Hunger fühlte ich so schlimm wie vor einigen Stunden, ich konnte gut bis zum nächsten Tag aushalten. Vielleicht gelang es mir, einstweilen eine Kerze auf Kredit zu bekommen, wenn ich in den Kramladen ging und meine Lage erklärte. Ich war so gut bekannt da unten; in guten Tagen, als ich noch Geld dazu besaß, hatte ich manches Brot in diesem Laden gekauft. Ohne Zweifel würde ich auf meinen ehrlichen Namen eine Kerze bekommen. Und zum ersten Mal seit langer Zeit raffte ich mich dazu auf, meine Kleider ein wenig zu bürsten und die losen Haare auf meinem Rockkragen zu entfernen, soweit sich dies in der Dunkelheit machen ließ. Dann tastete ich mich die Treppe hinunter.
Als ich auf die Straße kam, bedachte ich, ob ich nicht vielleicht lieber ein Brot verlangen solle. Unentschlossen blieb ich stehen und grübelte darüber nach. Auf keinen Fall! antwortete ich mir endlich selbst. Ich war leider nicht in dem Zustand, daß ich nun Nahrung vertrug; die gleichen Geschichten würden sich wiederholen, mit Gesichten und Wahrnehmungen und wahnsinnigen Einfällen, mein Artikel würde niemals fertig werden, und es galt doch, zum „Kommandeur” zu kommen, bevor er mich wieder vergessen hatte. Auf gar keinen Fall! Und ich entschloß mich zu einer Kerze. Damit ging ich in den Laden.
Am Ladentisch steht eine Frau und macht Einkäufe; mehrere kleine Pakete, in verschiedene Sorten Papier gewickelt, liegen in meiner Nähe. Der Gehilfe, der mich kennt und weiß, was ich gewöhnlich kaufe, verläßt die Frau und packt ohne weiteres ein Brot in eine Zeitung und legt es vor mich hin.
Nein — ich wollte heute abend eigentlich eine Kerze, sage ich. Ich sage das sehr leise und demütig, um ihn nicht ärgerlich zu machen und mir nicht die Aussicht auf die Kerze zu verspielen.
Meine Antwort kam ihm unerwartet, es war das erste Mal, daß ich etwas anderes als Brot von ihm verlangt hatte.
Ja, dann müssen Sie ein wenig warten, sagt er und wendet sich wieder zu der Frau.