Doch, sagen Sie das nicht, murmelte ich, es ist sehr freundlich von Ihnen.

Und ich ging hinauf. Das Herz schlug stark in mir.

Ich schlich mich so tief als möglich in den Schmiedgang und blieb vor einem verfallenen Tor in einem Hinterhof stehen. Von keiner Seite war ein Licht zu sehen, es war wundervoll dunkel rings um mich; ich begann an dem Knochen zu nagen.

Er schmeckte nach nichts; ein erstickender Geruch von altem Blut stieg von ihm auf, und ich mußte mich sofort erbrechen. Ich versuchte es wieder. Wenn ich es nur bei mir behalten könnte, würde es wohl seine Wirkung tun; es galt, den Magen zu beruhigen. Ich erbrach mich wieder. Ich wurde zornig, biß heftig in das Fleisch, zerrte ein Stückchen ab und würgte es mit Gewalt hinunter. Und es nützte doch nichts; sobald die kleinen Fleischbrocken im Magen warm geworden waren, kamen sie wieder herauf. Wahnsinnig ballte ich die Hände, war vor Hilflosigkeit dem Weinen nahe und nagte wie ein Besessener; ich weinte, daß der Knochen naß und schmutzig wurde von den Tränen, erbrach mich, fluchte und nagte wieder, weinte, als wollte mir das Herz brechen, und übergab mich abermals. Ich wünschte mit lauter Stimme alle Mächte der Welt zur Hölle.

Stille. Kein Mensch um mich her, kein Licht, kein Lärm. Ich bin in der gewaltsamsten Gemütserregung, atme schwer und laut und weine zähneknirschend, so oft ich diese kleinen Bissen Fleisches, die mich vielleicht ein wenig hätten sättigen können, von mir geben muß. Als gar nichts hilft, so sehr ich auch alles versuche, schleudere ich voll ohnmächtigen Hasses den Knochen gegen das Tor, hingerissen von Wut, rufe und drohe heftig gegen den Himmel hinauf, schreie Gottes Namen heiser und verbissen hinaus und krümme meine Finger wie Klauen.... Ich sage dir, du heiliger Baal des Himmels, du lebst nicht, aber wenn du lebtest, würde ich dir so fluchen, daß dein Himmel vom Feuer der Hölle erbeben würde. Ich sage dir, ich habe dir meine Dienste angeboten, und du hast sie abgewiesen, du hast mich verstoßen, und ich wende dir für ewig den Rücken, weil du die Stunde der Gnade nicht erkanntest. Ich sage dir, ich weiß, daß ich sterben muß, und ich spotte deiner trotzdem, mit dem Tod vor Augen, du himmlischer Apis. Du hast Gewalt gegen mich angewandt, und du weißt nicht, daß ich mich niemals dem Unglück beuge. Mußtest du das nicht wissen? Hast du mein Herz im Schlaf gebildet? Ich sage dir, mein ganzes Leben und jeder Blutstropfen in mir freut sich darüber, dich zu verhöhnen und deine Gnade zu bespeien. Von dieser Stunde an will ich allen deinen Werken und deinem ganzen Wesen entsagen, ich will meine Gedanken verfluchen, wenn sie wieder an dich denken sollten, und meine Lippen ausreißen, wenn sie deinen Namen wieder nennen. Ich sage dir, wenn du wirklich bist, das letzte Wort im Leben und im Tode, ich sage dir Lebwohl. Und dann schweige ich und wende dir den Rücken und gehe meines Weges....

Stille.

Ich bebe vor Erregung und Erschöpfung, stehe noch auf demselben Fleck, immer noch Flüche und Schimpfworte flüsternd, noch schlucksend nach dem heftigen Weinen, gebrochen und schlapp nach diesem wahnsinnigen Zornesausbruch. Ach, es war nur Büchersprache und Literatur, was ich hier angebracht hatte, mitten in meinem Elend sogar, es war Geschwätz. Ich stehe vielleicht eine halbe Stunde da und schluchze und flüstere und halte mich am Tor fest. Dann höre ich Stimmen, ein Gespräch zwischen zwei Männern, die durch den Schmiedgang hereinkommen. Ich taumle von der Türe weg, schleppe mich an den Häusern entlang und komme wieder auf die hellen Straßen hinaus. Während ich die Youngshöhe hinunterschleiche, fängt mein Gehirn plötzlich in einer höchst seltsamen Richtung zu arbeiten an. Es fällt mir ein, daß die elenden Baracken unten an der Seite des Marktplatzes, die Läden und die alten Buden mit gebrauchten Kleidern doch eine Verunstaltung der Gegend seien. Sie schändeten das Aussehen des ganzen Platzes, befleckten die Stadt, pfui, nieder mit dem Gerümpel! Und in Gedanken überschlug ich, was es kosten würde, das Geographische Institut hierher zu stellen, dieses schöne Gebäude, das mir immer so gut gefallen hatte, so oft ich daran vorbeigekommen war. Ein derartiger Transport würde sich vielleicht nicht unter siebzig bis zweiundsiebzigtausend Kronen machen lassen, — eine schöne Summe, das mußte man zugeben, ein ganz schönes Taschengeld, hehe, so für den Anfang. Und ich nickte mit schwerem Kopf und gab zu, daß es ein ganz schönes Taschengeld sei, so für den Anfang. Ich zitterte immer noch über den ganzen Körper und schluchzte hie und da tief auf nach dem Weinen.

Ich hatte das Gefühl, als sei nicht mehr viel Leben in mir, als pfiffe ich im Grunde auf dem letzten Loch. Dies war mir auch ziemlich gleichgültig, es beschäftigte mich nicht im geringsten; ich ging im Gegenteil durch die Stadt zum Hafen hinunter, immer weiter und weiter weg von meinem Zimmer. Ich hätte mich ebensogut zum Sterben platt auf die Straße hingelegt. Die Qualen machten mich immer gefühlloser; in meinem verwundeten Fuß klopfte es heftig, ich hatte sogar den Eindruck, daß der Schmerz sich über den ganzen Körper verbreitete, aber nicht einmal das tat besonders weh. Ich hatte schlimmere Dinge ausgestanden.

So kam ich zum Eisenbahnkai. Es war kein Verkehr dort, kein Lärm, nur hie und da war ein Mensch zu sehen, ein Schauermann oder ein Seemann, der mit den Händen in den Taschen sich herumtrieb. Ich bemerkte einen hinkenden Mann, der starr mich anschielte, während wir aneinander vorbeigingen. Instinktmäßig stellte ich ihn, griff an den Hut und fragte, ob die „Nonne” abgesegelt sei. Und nachher konnte ich es nicht lassen, ein einziges Mal dicht vor seinen Augen mit den Fingern zu knipsen und zu sagen: Tod und Teufel, die „Nonne” ja! Die „Nonne”, die ich ganz vergessen hatte! Der Gedanke an sie hatte wohl trotzdem unbewußt in meinem Inneren geschlummert, ich hatte ihn mit mir herumgetragen, ohne es selbst zu wissen.

Ja, bewahre, die „Nonne” sei abgesegelt.