Da mußte es nun eben weitergehen wie seither; Barbro bekam keinen bestimmten Lohn mehr, aber sie bekam viel mehr als ihren Lohn, und sooft sie Geld begehrte und es auch erhielt, dankte sie dafür, als ob es ein Geschenk wäre. Übrigens begriff Axel nicht, wozu sie das Geld brauchte; was sollte sie hier auf dem Lande mit Geld? Sparte sie es zusammen? Aber wozu in aller Welt sparte sie jahraus, jahrein zusammen?
Es war da sehr viel, was Axel nicht begriff: hatte sie denn nicht den Verlobungsring, ja sogar einen goldenen Ring bekommen? Es hatte ja auch lange Zeit nach diesem letzten großen Geschenk ein gutes Verhältnis zwischen ihnen geherrscht, aber in alle Ewigkeit wirkte es doch nicht, keineswegs, und er konnte ihr doch nicht immer wieder Ringe kaufen. Kurz und gut: wollte ihn Barbro nicht? Frauenzimmer sind doch merkwürdige Geschöpfe! Stand sonst noch irgendwo ein Mann mit schönem Viehstand und einem neuen Wohnhaus für sie bereit? Axel hatte alles Recht, mit der Faust auf den Tisch zu schlagen über die Dummheit und Launenhaftigkeit der Weiber.
Es war ganz merkwürdig, Barbro schien keinen andern Gedanken im Kopf zu haben als das Leben in der Stadt und in Bergen. Aber um Gottes willen, warum war sie dann überhaupt wieder herauf in den Norden gekommen? Ein Telegramm ihres Vaters allein hätte sie nicht dazu vermocht, auch nur einen Fuß vor den andern zu setzen, sie mußte einen andern Grund gehabt haben. Hier war sie doch Jahr um Jahr von morgens bis abends unzufrieden. Holzgeschirre statt solcher aus Blech und Eisen, Kessel statt Kasserollen; dieses ewige Melken statt eines Spaziergangs in die Meierei; Bauernstiefel, Schmierseife, einen Heusack unter dem Kopf, niemals Hornmusik, keine Menschen. Hier war sie ...
Nach dem großen Zusammenstoß haderten sie noch oftmals miteinander. Sollen wir darüber schweigen oder sollen wir darüber reden? sagte Barbro. Du denkst wohl gar nicht mehr daran, was du meinem Vater angetan hast? sagte sie. — Axel fragte: So, was habe ich denn getan? — Das weißt du selbst am besten, sagte sie. Aber Inspektor wirst du nun übrigens doch nicht. — So. — Nein, das glaube ich nicht, bis ich es sehe. — Du meinst wohl, ich sei nicht klug genug dazu? — Es ist ja ganz gut für dich, wenn du klug bist, aber du liest nicht und du schreibst nicht, du nimmst auch niemals nur eine Zeitung in die Hand. — Ich kann so viel lesen und schreiben, als ich nötig habe, sagte er; aber du bist nichts als ein großes Lästermaul. — Da hast du deinen Ring! schrie sie und warf den silbernen Ring auf den Tisch. — So, und wo ist denn der andere? fragte er nach einer Weile. — Wenn du deine Ringe wiedernehmen willst, so kannst du sie haben, sagte sie und mühte sich, den goldenen Ring abzustreifen. — Dein Zorn macht keinen Eindruck auf mich, sagte er und ging hinaus.
Und natürlich trug sie sehr bald beide Ringe wieder.
Es machte Barbro auf die Dauer auch nichts aus, daß er sie wegen des Todes des Kindes im Verdacht hatte. Ganz im Gegenteil, sie pfiff darauf und war hochmütig. Nicht als ob sie etwas eingestanden hätte, aber sie sagte: Ja, und wenn ich es auch ertränkt hätte! Du lebst hier in der Einöde und weißt nichts davon, wie es sonst in der Welt zugeht. — Als sie wieder einmal über diese Frage sprachen, dachte sie, sie wolle ihm einen Begriff davon beibringen, daß er die Sache viel zu ernsthaft nehme; sie selbst legte einem Kindsmord nicht mehr Wichtigkeit bei, als er verdiente. Sie wußte von zwei Mädchen in Bergen zu erzählen, die ihre Kinder umgebracht hatten, und die eine hatte einige Monate Strafe erhalten, weil sie so dumm gewesen war und es nicht selbst umgebracht, sondern es ausgesetzt hatte, damit es erfrieren sollte, und die andere war freigesprochen worden. Nein, das Gesetz ist jetzt hierin nicht mehr so unmenschlich wie früher, sagte Barbro. Und außerdem kommt es auch gar nicht immer heraus, sagte sie. Eines der Mädchen, die im Hotel in Bergen dienten, hat zwei Kinder umgebracht; sie war aus Christiania und trug einen Hut mit Federn darauf. Für das letzte Kind bekam sie drei Monate, aber das mit dem ersten ist nicht herausgekommen, erzählte Barbro.
Axel hörte zu, und es graute ihm immer mehr vor ihr. Er suchte zu begreifen, suchte in dieser Finsternis irgend etwas zu erkennen, aber im Grunde hatte sie recht. Er nahm die Sache viel zu ernsthaft. Sie war mit all ihrer banalen Verderbtheit eines ernsthaften Gedankens gar nicht wert. Ein Kindsmord war für sie gar kein Begriff, hatte gar nichts Außerordentliches an sich, es war nur der Ausschlag der ganzen moralischen Sittenlosigkeit und des Leichtsinns, der von einem Dienstmädchen zu erwarten war. Das zeigte sich auch in den Tagen, die darauf folgten: da gab es keine Stunde des Nachdenkens, sie war genau wie früher voll überflüssigen Geschwätzes, ganz Dienstmädchen. Ich muß fort wegen meiner Zähne, sagte sie. Und dann sollte ich ein Mantlett haben. Ein „Mantlett” war eine Art kurzen Kragens, der nur bis zur Mitte reichte, das war einige Jahre lang Mode gewesen, und Barbro wollte auch ein Mantlett haben.
Wenn Barbro alles so selbstverständlich hinnahm, was blieb Axel dann übrig, als sich auch zu beruhigen? Sein Verdacht stand auch nicht immer ganz fest, und sie gestand ja niemals etwas ein, im Gegenteil, sie hatte einmal ums andere alle Schuld geleugnet, ohne Zorn, ohne Halsstarrigkeit, aber zum Henker, genau so, wie ein Dienstmädchen leugnet, eine Schüssel zerschlagen zu haben, selbst wenn sie es getan hat. Ein paar Wochen vergingen, dann wurde es Axel doch zuviel, er blieb eines Tages mitten in der Stube stehen und hatte eine Offenbarung. Aber du großer Gott, alle hatten doch ihren Zustand gesehen, daß sie rund und dick und in anderen Umständen war! Und jetzt war sie wieder schlank, wo aber war das Kind? Wenn nun alle Menschen kämen und suchten? Sie würden eines Tages eine Erklärung verlangen. Und wenn also nichts Schlimmes geschehen war, so wäre es viel besser gewesen, die Leiche auf dem Friedhof zu begraben. Dann wäre sie fort aus dem Gebüsch, fort aus Maaneland.
Nein, das hätte mir nur Unannehmlichkeiten bereitet, erklärte Barbro. Sie hätten das Kind geöffnet, und es hätte ein Verhör gegeben. Das wollte ich nicht haben.
Wenn es nur später nicht viel schlimmer wird, sagte er.