Was! rief er.
Die Kindsleiche damals. Du weißt auch gar nichts mehr! Wir haben doch in der Zeitung davon gelesen.
Nach einer Weile brach er los: Du bist ein entsetzliches Weib!
Aber seine Verwirrung stärkte sie, flößte ihr eine Art unnatürlicher Kraft ein, so daß sie Einzelheiten berichten konnte: Ich hatte es mit in meinem Koffer — ja, es war tot, das hatte ich gleich getan, als es geboren war. Und als wir in den Hafen kamen, warf ich es hinaus.
Axel saß finster und schweigend da; aber Barbro redete weiter, das sei jetzt schon lange her, schon mehrere Jahre, es sei damals gewesen, als sie nach Maaneland kam. Da könne er sehen, daß nicht alles herauskomme, bei weitem nicht alles. Was er meine, wie das wäre, wenn alles herauskäme, was alle Leute täten? Und was erst die verheirateten Leute in der Stadt täten! Die brächten ihre Kinder um, ehe sie geboren seien, es gebe besondere Ärzte dafür. Diese Leute wollten nicht mehr als ein Kind, höchstens zwei Kinder haben, und darum tötete es der Doktor im Mutterleib. Axel könne ihr glauben, daß das draußen in der Welt nicht schwer genommen werde.
Axel fragte: Na, dann hast du wohl das zweite Kind auch umgebracht?
Nein, erwiderte sie äußerst gleichgültig. Das habe ich nicht nötig gehabt, sagte sie. Aber sie kam noch einmal darauf zurück, daß es gar nicht so gefährlich gewesen wäre. Sie schien daran gewöhnt, dieser Frage in die Augen zu sehen, deshalb blieb sie so gleichgültig dabei. Beim erstenmal war es allerdings vielleicht etwas grausig, ein klein wenig unheimlich für sie gewesen, ein Kind umzubringen, aber das zweitemal? Sie konnte mit einer Art von geschichtlichem Gefühl an die Tat denken: das war geschehen und geschah auch wieder.
Mit schwerem Kopf verließ Axel die Stube. Es focht ihn weiter nicht sehr an, daß Barbro ihr erstes Kind umgebracht hatte; das ging ihn nichts an. Und daß sie dieses Kind überhaupt gehabt hatte, darüber war auch nicht viel zu sagen. Eine Unschuld war sie nicht gewesen, und sie hatte sich auch nicht dafür ausgegeben, im Gegenteil, sie hatte ihre Erfahrenheit durchaus nicht verborgen und ihn sogar in manchem dunkeln Spiel unterwiesen. Gut. Aber dieses letzte Kind hätte er gerne behalten, ein kleiner Junge, ein weißes Geschöpfchen in einen Lappen gewickelt! Wenn sie schuld war an des Kindes Tod, so hatte sie ihm ein Unrecht zugefügt, ein Band zerschnitten, das ihm wertvoll war, und das ihm nie mehr ersetzt wurde. Aber es konnte ja sein, daß er ihr unrecht tat, daß sie wirklich im Bach ausgeglitten war und sich nicht mehr aufrichten konnte. Allerdings, der Lappen war ja da, das halbe Hemd, das sie mitgenommen hatte ...
Die Stunden gingen auch jetzt hin, es wurde Mittag und es wurde Abend. Und als Axel zu Bett gegangen war und lange genug ins Dunkel hineingestarrt hatte, schlief er ein und schlief bis an den Morgen. Ein neuer Tag brach an, und nach diesem Tag kamen noch andere Tage.
Barbro blieb immer dieselbe. Sie wußte sehr viel von der Welt und behandelte solche Kleinigkeiten, die hier auf dem Lande Gefahren waren und Schrecken verbreiteten, mit Gleichgültigkeit. Das war auch wieder tröstlich, sie war gescheit für beide, unbesorgt für beide. Übrigens sah sie auch nicht aus wie ein gefährlicher Mensch. Barbro ein Ungeheuer? Keine Spur. Sie war im Gegenteil ein schönes Mädchen, blauäugig mit einem Stumpfnäschen, und die Arbeit ging ihr flink von der Hand. Die Ansiedlung war ihr nur ein wenig verleidet, und verleidet waren ihr auch die Holzgeschirre, die sooft gescheuert werden mußten, und vielleicht war ihr auch der ganze Axel verleidet und das ganze verflucht zurückgezogene Leben, das sie führte. Aber sie brachte keines der Tiere um und stand auch nicht bei Nacht mit gezücktem Messer über ihm.