Unterdessen gehen sie immer weiter, sie sind nun bald zu Hause, und Oline begreift, daß sie keine Zeit verlieren darf, wenn sie noch etwas erreichen will: Es wäre am besten gewesen, Brede, wenn du Axel vom Tode errettet hättest, sagt sie. Aber wie war das, Brede, du hast seine Not gesehen und hast seine Hilferufe gehört und bist einfach vorbeigegangen? — Halt nur deinen Mund, Oline! sagt Brede.
Mundhalten wäre nun eigentlich auch das bequemste für sie gewesen, sie watete im Schnee und hatte schwer zu tragen; sie keuchte, aber den Mund hielt sie dennoch nicht. Sie hatte sich einen Trumpf für zuletzt aufgespart, eine gefährliche Sache, sollte sie es wagen? — Und die Barbro, die ist also auf und davon gegangen? fragt sie. — Ja, erwidert Brede leichtfertig. Und dadurch hast du einen Winterverdienst bekommen. — Aber hier bot sich Oline wieder eine gute Gelegenheit, sie konnte zu verstehen geben, wie sehr sie gesucht sei, begehrt weit herum in ihrer Gemeinde. Sie hätte zwei Plätze, ja eigentlich drei haben können. Im Pfarrhaus wolle man sie auch haben. Und zu gleicher Zeit gab sie etwas zu verstehen, was Axel wohl hören durfte, das konnte nichts schaden: es sei ihr soundso viel für den Winter geboten worden, dazu ein Paar neue Schuhe und das Futter für ein Schaf obendrein. Aber sie wisse, daß sie hier auf Maaneland zu einem besonders guten Mann komme, der sie überreich belohnen werde, und darum komme sie lieber hierher. Nein, Brede solle sich nur keine Sorge machen, bis jetzt habe ja der himmlische Vater eine Tür nach der andern vor ihr aufgetan und sie aufgefordert, einzutreten. Und es sehe ja aus, als ob Gott eine besondere Absicht dabei gehabt habe, als er sie nach Maaneland schickte, denn sie habe heute abend einen Menschen vom Tode errettet.
Jetzt ist Axel ganz ermattet, und sein Bein versagt. Merkwürdig, bis dahin ist es immer besser gegangen, je mehr Wärme und Leben in seine Glieder zurückkehrten, jetzt jedoch hat er Brede dringend nötig, um sich aufrecht halten zu können! Es schien anzufangen, als Oline von ihrem Lohn sprach, und später, als sie ihm wieder das Leben gerettet hatte, da wurde es ganz schlimm. Wollte er ihren Triumph noch einmal herabsetzen? Gott weiß es, aber sein Hirn war jedenfalls wieder ganz in Ordnung. Als sie sich den Häusern nähern, bleibt Axel stehen und sagt: Ich glaube nicht, daß ich bis nach Hause kommen kann. Brede nimmt ihn ohne weiteres auf den Rücken. Und nun geht's weiter, Oline voll Gift und Galle, Axel, so lang er ist, auf Bredes Rücken. Aber wie ist denn das, sollte Barbro nicht ein Kind bekommen? — Ein Kind? stöhnt Brede unter seiner Last. Es ist ein äußerst sonderbarer Aufzug, Axel läßt sich bis auf die Türschwelle tragen.
Brede keucht unmäßig. Ja, oder war es etwa kein Kind? fragt Oline. — Hier fällt Axel ein und sagt zu Brede: Ich weiß wirklich nicht, wie ich heute abend hätte heimkommen sollen, wenn du nicht gewesen wärest! Aber er vergißt auch Oline nicht und sagt: Ich danke auch dir, Oline, du bist die erste gewesen, die mich gefunden hat. Ich danke euch allen beiden.
Das war der Abend, an dem Axel gerettet wurde.
In den folgenden Tagen ist Oline schwer dazu zu bringen, von etwas anderem zu reden als von dem großen Ereignis. Axel hat genug zu tun, sie etwas in den Schranken zu halten. Oline kann das Plätzchen in der Stube zeigen, wo sie stand, als der Engel des Herrn sie vor die Tür rief, damit sie die Hilferufe höre; Axel hat wieder anderes zu denken und muß ein Mann sein. Er fängt seine Arbeit im Walde wieder an, und als er mit dem Baumfällen fertig ist, fährt er die Stämme nach Sellanraa in die Sägemühle.
Das ist eine glatte und ebene Winterarbeit: Stämme hinauf und zugeschnittene Bretter herunter! Aber es gilt, sich zu beeilen und vor Neujahr fertig zu werden, bevor der starke Frost einsetzt und das Sägewerk einfriert. Es geht sehr gut, alles wird fertig. Wenn Sivert von Sellanraa gerade leer aus dem Dorf zurückkommt, nimmt auch er einen Stamm auf seinen Schlitten und hilft seinem Nachbar. Die beiden halten dann einen ordentlichen Schwatz zusammen und haben ihre Freude aneinander.
Was gibt's Neues im Dorf? fragt Axel. — Nichts, erwidert Sivert. Es soll ein neuer Ansiedler hierherkommen.
Ein neuer Ansiedler, oh, das war nicht nichts, es war nur Siverts Art zu sprechen. Jedes Jahr kam ein neuer Ansiedler in die Gegend und ließ sich da nieder; es waren jetzt fünf Ansiedlungen unterhalb von Breidablick, oberhalb ging es langsamer mit dem Kolonisieren, obgleich der Boden nach Süden zu überall mehr Ackerkrume und weniger Moorland aufwies. Der Ansiedler, der sich am weitesten hinausgewagt hatte, war Isak, als er Sellanraa gründete, er war der mutigste und klügste. Nach ihm kam Axel Ström. Nun hatte sich also ein neuer Mann angekauft. Der neue Mann sollte eine große Strecke Moorland zum Entwässern und Wald unterhalb Maaneland gekauft haben — es war ja genug da.
Hast du gehört, was für ein Mann es ist? fragt Axel. — Nein, erwidert Sivert. Er kommt mit fertigen Häusern, die er herführen läßt und im Handumdrehen aufstellt. — So, dann hat er also Geld? — Das muß er wohl haben. Er kommt mit Familie, mit einer Frau und drei Kindern. Und er hat Vieh und Pferde. — Ja, dann hat er Geld, sagt Axel. Hast du sonst nichts gehört? — Nein. Er sei dreiunddreißig Jahre alt. — Wie heißt er denn? — Aron, wird behauptet. Seinen Hof hat er Storborg genannt. — So, also Storborg, die große Burg. Ja, ja, das ist nicht klein. — Er ist von der Küste. Es heißt, er sei bis jetzt beim Fischhandel gewesen. — Dann kommt es also darauf an, ob er etwas von der Landwirtschaft versteht, sagt Axel. Hast du sonst nichts von ihm gehört? — Nein. Er hat bar bezahlt, als er den Kaufbrief bekam. Sonst hab' ich nichts gehört. Aber es heißt, er habe ein Heidengeld mit seiner Fischerei verdient. Jetzt wolle er sich hier niederlassen und Handel treiben. Ja, das wird behauptet. — So, er will also Handel treiben!