Da hörte sie rufen und sagte sich: Entweder ist es der Axel oder einer der Unterirdischen, in beiden Fällen ist es der Mühe wert, ein wenig nachzusehen, die ewige Weisheit des Allmächtigen in so viel Unruhe im Walde zu ergründen — und mir tut er nichts, ich bin nicht wert, ihm die Schuhriemen zu lösen —

Hier steht sie nun.

Die Axt? Oline gräbt und gräbt im Schnee und findet die Axt nicht. Sie versucht ohne Axt fertig zu werden und gibt sich Mühe, den Baum, so wie er daliegt, zu heben; aber sie ist wie ein kleines Kind und vermag nur die äußersten Zweige zu schütteln. Sie sucht wieder nach der Axt, es ist finster, aber sie gräbt mit Händen und Füßen. Axel kann nicht deuten, er kann nur sagen, wo die Axt einmal gelegen hatte, aber da ist sie nicht mehr. Wenn es nur nach Sellanraa nicht so weit wäre! sagt Axel. Aber nun fängt Oline an, nach ihrem eigenen Kopf zu suchen, und Axel ruft ihr zu, nein, nein, dort sei sie nicht. — Nein, nein, sagt Oline, ich will nur überall nachsehen. Und was ist denn das? fragt sie. — Hast du sie gefunden? fragt Axel. — Ja, mit des Allmächtigen Beistand erwidert Oline hochtrabend. Aber Axel ist nicht sehr hochgemut, er gibt zu, daß er vielleicht nicht recht bei Verstand sei, er ist beinahe fertig. Und was denn Axel mit der Axt wolle? Er könne sich ja nicht rühren, sie, Oline, müsse ihn loshacken. Oh, Oline habe schon mehr Äxte in der Hand gehabt, habe schon mehr als einmal in ihrem Leben Holz gespalten!

Axel kann nicht gehen, das eine Bein ist ihm bis zur Hälfte wie abgestorben, der Rücken ist ihm wie gerädert, heftige Stiche bringen ihn beinahe zum Heulen, im ganzen genommen fühlt er sich kaum als lebendiger Mensch, ein Teil von ihm liegt immer noch unter dem Baum. Es ist so sonderbar, und ich verstehe es nicht, sagt er. Oline versteht es gut und erklärt das Ganze mit wunderbaren Worten: ja, sie hat einen Menschen vom Tode errettet, und so viel weiß sie, der Allmächtige hat sie als sein geringes Werkzeug gebraucht, er hat keine himmlischen Heerscharen schicken wollen. Ob Axel nicht seinen weisen Ratschluß erkenne? Und wenn der Herr einen Wurm in der Erde hätte zu Hilfe schicken wollen, so hätte er das tun können. — Ja, das weiß ich wohl, aber es ist mir so sonderbar zumut, sagte Axel. — Sonderbar? Er solle nur ein ganz klein wenig warten, sich bewegen, sich vorbeugen und wieder aufrichten, ja, so, immer nur ein wenig auf einmal, seine Gelenke seien eingerostet und abgestorben, er solle seine Jacke anziehen, damit er warm werde. In ihrem ganzen Leben werde sie nun und nimmer den Engel des Herrn vergessen, der sie das letztemal vor die Tür gerufen habe — und da hörte sie Rufe aus dem Walde. Es sei wie in den Tagen des Paradieses gewesen, als mit Posaunen geblasen wurde bei den Mauern von Jericho.

Wunderbar! Aber während dieses Geschwätzes hat Axel Zeit, er übt seine Gelenke und lernt gehen.

Langsam geht's dem Hause zu, Oline ist immer noch der Retter in der Not und stützt Axel. So geht es ganz gut. Als sie ein Stück Weges hinuntergekommen sind, begegnen sie Brede. — Was ist denn das? fragt Brede. Bist du krank? Soll ich dir helfen? sagt er. — Axel schweigt abweisend. Er hat Gott gelobt, sich nicht zu rächen und Brede nicht anzuzeigen, aber weiter ist er nicht gegangen. Und weshalb war Brede nun wieder auf dem Wege bergauf? Hatte er gesehen, daß Oline nach Maaneland gekommen war, und begriffen, daß sie die Hilferufe hören mußte? — So, du bist da, Oline? sagt Brede geschwätzig. Wo hast du ihn gefunden? Unter einem Baum? Ja, ist es nicht sonderbar mit uns Menschen! legt er los. Ich sah eben die Telegraphenlinie nach, da hörte ich rufen. Wer sich sofort auf die Beine machte, das war ich; ich wollte Hilfe leisten, falls es nötig sein sollte. Also du bist es gewesen, Axel? Und du hast unter einem Baum gelegen? — Jawohl, und du hast es gehört und gesehen, als du herunterkamst, aber du bist an mir vorbeigegangen, antwortete Axel. — Gott sei mir Sünder gnädig! ruft Oline über solch schwarze Bosheit. — Brede erklärt, wie es gewesen sei. Dich gesehen? Ich hab' dich gut gesehen. Aber du hättest mich doch rufen können, warum hast du nicht gerufen? Ich sah dich ausgezeichnet, aber ich dachte, du hättest dich ein wenig zum Ausruhen hingelegt. — Willst du den Mund halten! ruft Axel drohend. Du hast mich absichtlich liegenlassen.

Oline sieht ein, daß Brede jetzt nicht eingreifen darf, das würde ihre eigene Unentbehrlichkeit verringern und ihr Rettungswerk nicht mehr ganz vollständig erscheinen lassen. Sie verhinderte Brede, Axel hilfreiche Hand zu reichen, ja, er darf nicht einmal den Rucksack oder die Axt tragen. Oh, in diesem Augenblick ist Oline vollständig auf Axels Seite; wenn sie später einmal zu Brede kommt und hinter einer Schale Kaffee sitzt, wird sie ganz auf seiner Seite sein. — Laß mich doch wenigstens die Axt oder die Schneeschaufel tragen, sagt Brede. — Nein! erwidert Oline an Axels Statt. Die will er selbst tragen. — Brede bleibt dabei: Du hättest mich doch rufen können, Axel. Wir sind doch nicht so verfeindet, daß du mir das Wort nicht hättest gönnen können. Du hast gerufen? So, dann hättest du lauter rufen müssen, du mußt doch wissen, was für ein Schneesturm tobte. Und außerdem hättest du mir mit der Hand winken können. — Ich hatte keine Hand frei, mit der ich hätte winken können, erwidert Axel. Du hast wohl gesehen, daß ich wie gefesselt dalag. — Nein, das hab' ich nicht gesehen. So etwas ist mir doch noch nie vorgekommen! Laß mich doch deine Sachen tragen, hörst du! — Oline sagt: Laß Axel in Frieden! Er ist krank.

Aber jetzt hat auch Axels Hirn sich wieder erholt. Er hat schon früher allerlei von der alten Oline gehört und begreift, daß sie für alle Zukunft teuer und lästig für ihn werden würde, wenn sie die einzige wäre, die ihm das Leben gerettet hatte. Er will den Triumph ein wenig verteilen, Brede darf wirklich den Rucksack und die Werkzeuge tragen, ja, Axel ließ ein Wort fallen, daß ihm das eine Erleichterung sei, daß es ihm wohltue. Allein Oline will sich nicht darein finden, sie zerrt an dem Rucksack und erklärt, daß sie und sonst niemand tragen werde, was zu tragen sei. Die schlaue Einfalt ist im Streit von allen Seiten. Axel steht einen Augenblick ohne Stütze da, und Brede muß wahrhaftig den Rucksack fahren lassen, um Axel zu stützen, obgleich dieser gar nicht mehr wankt.

Und nun geht es in der Weise weiter, daß Brede den schwachen Mann stützt und Oline die Last trägt. Sie schleppt und schleppt und ist voll Grimm und Bosheit. Sie hat sich den geringsten und gröbsten Teil der Arbeit auf dem Heimwege zuschieben lassen müssen! Was, zum Teufel, hatte Brede hier verloren? — Du, Brede, sagte sie. Was muß ich hören? Dein Hof ist dir verkauft worden? — Warum fragst du? erwiderte Brede keck. — Warum ich frage? Ich hab' nicht gewußt, daß das geheimgehalten werden soll. — Unsinn, Oline, du hättest kommen und auf den Hof bieten sollen! — Ich? Du treibst deinen Spott mit einem alten Weibe. — So, bist du denn nicht reich geworden? Es heißt doch, du habest des alten Sivert Goldschrein geerbt, hahaha! — Es stimmte Oline nicht milder, daß sie an das fehlgeschlagene Erbe erinnert wurde. Ja, er, der alte Sivert, hat mir alles Gute gegönnt, das kann man nicht anders sagen, erwidert sie. Aber als er tot war, wurde er all seines irdischen Gutes beraubt. Du weißt es ja auch, Brede, wie es ist, wenn man ausgeplündert wird und kein eigenes Dach mehr über dem Kopf hat. Aber der alte Sivert, der hat jetzt große Säle und Paläste, und du und ich, Brede, wir sind noch auf der Erde, und jedermann wischt die Schuhe an uns ab. — Was gehst denn du mich an, sagt Brede und wendet sich an Axel. Ich bin sehr froh, daß ich gerade vorbeigekommen bin und dir nach Hause helfen kann. Gehe ich dir auch nicht zu schnell? — Nein.

Aber mit Oline streiten, ein Wortgefecht mit Oline! Unmöglich! Niemals gab sie nach, und niemand kam ihr darin gleich, Himmel und Erde zusammenzumischen zu einem einzigen Gebräu von Bosheit und Freundschaft, Gift und Gefasel. Nun muß sie auch noch hören, daß es eigentlich Brede ist, der Axel nach Hause hilft. — Was ich sagen wollte, fing sie an. Hast du eigentlich den großen Herren, die damals auf Sellanraa waren, deine Säcke mit Steinen gezeigt? — Wenn du willst, Axel, so nehme ich dich einfach auf den Rücken und trage dich, sagt Brede. — Nein, erwidert Axel. Aber ich danke dir für den guten Willen.