Jetzt stößt er zwei laute Hilferufe aus und horcht dann hinaus.

Nun wird auch seine Axt zugeschneit, er sieht nur noch ein Stückchen Schaft hervorragen. Dort drüben hängt sein Beutel mit dem Mundvorrat; hätte er ihn nur erreichen können, dann hätte er etwas gegessen, einen ordentlichen Happen. Und wenn er schon in seinen Ansprüchen an das Leben so dreist war, so konnte er sich gleich auch seine Jacke herwünschen, denn es wird kalt. Wieder stößt er einen gewaltigen Ruf aus.

Da steht Brede. Er ist stehengeblieben und sieht hinüber zu dem rufenden Mann, er bleibt nur einen Augenblick stehen und sieht hinüber, wie um zu ergründen, was los ist. Komm her und gib mir meine Axt! ruft Axel etwas kläglich. — Brede sieht weg, er hat ergründet, was los ist, jetzt schaut er in die Höhe zu dem Telegraphendraht hinauf und will augenscheinlich anfangen zu pfeifen! War er denn verrückt? — Komm her und gib mir die Axt, ich liege unter einem Baum! wiederholte Axel etwas lauter als vorher. Aber Brede hat sich so sehr gebessert und ist so eifrig in seinem Dienste, daß er nichts sieht als den Telegraphendraht und nur eifrig pfeift. Und wohlgemerkt, munter und rachgierig pfeift er! — So, du willst mich umbringen und mir nicht einmal die Axt reichen! ruft Axel. — Aber jetzt muß Brede offenbar notwendig noch weiter die Linie entlang gehen und nach dem Draht schauen, und er verschwindet im Schneetreiben.

So, na ja! Aber jetzt wäre es doch ein rechter Staatsstreich, wenn Axel sich selbst so weit frei machte, daß er die Axt erreichen könnte! Er spannt Leib und Brust an, um die ungeheure Last zu heben, die ihn daniederhält, er bewegt den Baum, schüttelt ihn, erreicht aber damit nur, daß noch mehr Schnee auf ihn herabrieselt. Nach einigen vergeblichen Versuchen gibt er es auf.

Es fängt an zu dunkeln. Brede ist gegangen, aber wie weit kann er inzwischen gekommen sein? Nicht sehr weit, Axel ruft wieder und redet dabei von der Leber weg: Willst du mich hier einfach liegenlassen, du Mörder? ruft er. Denkst du nicht an deiner Seelen Seligkeit? Du weißt, du könntest für eine einzige kleine Handreichung eine Kuh von mir bekommen, aber du bist ein Hund, Brede, und du willst mich umbringen! Aber ich werde dich anzeigen, so wahr ich hier liege, merk dir's! Kannst du nicht herkommen und mir die Axt geben?

Stille. Axel strengt sich wieder unter seinem Baume an, hebt ihn ein wenig mit dem Leib und erreicht damit, daß immer noch mehr Schnee auf ihn herunterfällt. Dann ergibt er sich in sein Schicksal und seufzt, matt und schläfrig wird er auch. Sein Vieh steht jetzt in der Gamme und brüllt, es hat seit heute morgen nicht naß und nicht trocken bekommen, Barbro füttert es nicht mehr, sie ist davongelaufen, mit beiden Fingerringen noch dazu. Es wird dunkel, jawohl, es wird Abend, und es wird Nacht, aber das ginge ja noch an, allein es wird auch kalt, sein Bart vereist, seine Augen werden auch bald vereisen, die Jacke dort am Baume würde ihm guttun, und ist es denn möglich, das eine Bein ist bis zur Hüfte wie tot? Alles steht in Gottes Vaterhand! sagt er, er kann augenscheinlich ganz fromm reden, wenn er will. Es wird dunkel, jawohl, er kann auch ohne angezündete Lampe sterben! Er wird ganz weich und gut, und um recht demütig zu sein, lächelt er freundlich und albern ins Unwetter hinein, es ist ja der Schnee des Herrn, der unschuldige Schnee! Ja, er kann es ja auch lassen, Brede anzuzeigen.

Er wird still und immer schläfriger, ganz lahm, als ob er vergiftet wäre, er sieht so viel Weiß vor den Augen, Wälder und Ebenen, große Schwingen, weiße Schleier, weiße Segel, weiß, weiß — was kann das sein? Unsinn, er weiß ganz gut, daß das Schnee ist, er liegt im Freien, es ist kein Wahn, daß er unter einem Baum begraben ist. Dann ruft er wieder aufs Geratewohl, brüllt, da unten im Schnee liegt seine gewaltige haarige Brust und brüllt, es muß bis in die Gamme bei dem Vieh zu hören sein, er brüllt ein ums andere Mal. Du bist ein Schwein, ein Untier! ruft er Brede nach. Hast du bedacht, was du tust, wenn du mich so verkommen läßt? Willst du mir die Axt geben? frag ich. Bist du ein gemeines Vieh oder ein Mensch? Aber Glück zu, wenn es deine Absicht ist, mich hier liegenzulassen —

Er muß geschlafen haben, er liegt ganz steif und leblos da, aber seine Augen stehen offen, zwar mit Eis umrändert, aber offen, er kann nicht damit blinzeln; hat er mit offenen Augen geschlafen? Vielleicht hat er nur ein paar Minuten oder auch eine Stunde geschlummert, Gott weiß es, aber jetzt steht Oline da. Axel hört, daß sie fragt: Im Namen Jesu Christi, lebst du noch? Und weiter fragt sie, warum er da liege, ob er verrückt sei? Jedenfalls steht Oline da.

Ja, Oline hat etwas Witterndes, etwas Schakalartiges, sie taucht auf, wenn ein Unglück um den Weg ist, sie hat eine sehr scharfe Witterung. Wie hätte Oline im Leben vorwärtskommen können, wenn sie nicht so eifrig gewesen wäre und keine so scharfe Witterung gehabt hätte? Jetzt hatte sie also Axels Botschaft erhalten und war trotz ihrer siebzig Jahre über das Gebirge gekommen, um ihm zu helfen. Gestern hat sie der Sturm in Sellanraa festgehalten, heute kam sie nach Maaneland, fand niemand zu Hause, fütterte das Vieh, trat unter die Tür und horchte hinaus, melkte das Vieh, lauschte dann wieder, sie begriff gar nicht —