Nein, auf Sellanraa hatten sie nicht immer übrige Zeit, es war da gar zu viel zu tun. Und jetzt hatten sie sogar zum erstenmal Männer zur Hilfe gedingt, zwei schwedische Maurer sprengten Steine zu einem Stall.
Dieser Stall war seit vielen Jahren Isaks großer Gedanke gewesen, die Gamme für das Vieh wurde allmählich zu klein und zu dürftig, ein steinerner Stall mit doppelten Mauern und einer richtigen Dungstätte sollte es werden. Aber es war so vieles, was gemacht werden sollte, das eine zog immer wieder das andere nach sich; jedenfalls hörte das Bauen niemals auf. Isak hatte ein Sägewerk und eine Mühle und einen Sommerstall, warum sollte er nicht auch eine Schmiede haben? Nur eine kleine Schmiede zur Nothilfe, es war ja so weit ins Dorf, wenn der Vorhammer sich bog oder man ein paar neue Hufeisen brauchte. Eine Esse und einen Amboß, warum sollte er die nicht haben? Im ganzen entstanden ja so viele große und kleine Gebäude auf Sellanraa.
Der Hof wird immer größer, wird gewaltig groß, es geht auch nicht mehr ohne Dienstmagd, und Jensine muß ganz dableiben. Ihr Vater, der Schmied, fragt gelegentlich nach ihr, und ob sie nicht bald wieder heimkomme, aber er besteht nicht darauf, er ist sehr nachgiebig und hat wohl eine Absicht dabei. Sellanraa liegt am höchsten in der Allmende und nimmt immer mehr zu, nimmt zu an Häusern und an Grund und Boden, die Menschen sind immer dieselben. Die Lappen kommen jetzt nicht mehr vorbei und spielen sich als Herren in der Ansiedlung auf, das hat längst aufgehört. Die Lappen kommen überhaupt nicht mehr oft vorbei, sie machen lieber einen großen Bogen um den Hof herum, jedenfalls kommen sie nicht mehr ins Haus herein, sie bleiben draußen stehen, wenn sie überhaupt stehenbleiben. Die Lappen treiben sich in der Einöde, im Dunkeln herum; wenn sie in Licht und Luft gebracht werden, gehen sie ein wie Maden und Ungeziefer. Ab und zu verschwindet an einer entlegenen Stelle ein Kalb oder ein Lamm, ganz weit draußen, wo Sellanraa aufhört. Dagegen ist nichts zu machen. Natürlich kann Sellanraa das tragen. Und wenn Sivert auch schießen könnte, so hätte er doch keine Flinte, aber er kann nicht schießen, er ist lustig und unkriegerisch, ein großer Schelm. Außerdem ist das Abschießen von Lappen wohl verboten, sagt er.
Sellanraa kann kleine Verluste seines Viehstandes verschmerzen, denn es ist groß und stark, aber es ist nicht ohne Sorgen, ach nein! Inger ist keineswegs das ganze Jahr hindurch mit sich und ihrem Leben zufrieden, nein, sie hat einmal eine große Reise gemacht, und da ist wohl eine Art verderblicher Abgespanntheit über sie gekommen. Die verschwindet und kommt wieder. Sie ist rasch und fleißig wie in ihren besten Tagen, und sie ist eine hübsche und gesunde Frau für ihren Mann, für den Mühlengeist, aber hat sie nicht auch Erinnerungen von Drontheim? Träumt sie niemals? Doch und besonders während des Winters. Da gärt zuweilen eine ganz verfluchte Lebenslust in ihr, und da sie nicht allein tanzen kann, gibt es keinen Ball. Schwere Gedanken und ein Andachtsbuch? Ach ja, jawohl, aber Gott weiß, das andere ist auch schön und herrlich! Sie ist genügsam geworden; die schwedischen Maurer sind jedenfalls fremde Menschen und ungewohnte Stimmen auf dem Hofe, aber es sind ältere und ruhige Männer, die nicht spielen, sondern arbeiten. Aber sie sind doch besser als gar nichts, sie bringen doch etwas Leben mit sich, der eine singt wunderschön, und Inger bleibt bisweilen stehen und hört ihm zu. Der Mann heißt Hjalmar.
Aber damit ist noch nicht alles gut und recht auf Sellanraa. Da ist zum Beispiel die große Enttäuschung mit Eleseus. Von ihm war ein Brief gekommen, daß seine Stelle bei dem Ingenieur aufgehört habe, aber er werde bald eine andere bekommen, er müsse nur warten. Dann kam ein Brief, er könne, während er auf einen hohen Posten in einem Büro warte, nicht von nichts leben, und als ihm von zu Hause ein Hundertkronenschein geschickt wurde, schrieb er zurück, das habe gerade genügt, einige kleine Schulden zu decken. — So, sagte Isak. Aber nun haben wir die Maurer und allerlei Auslagen, frag du nur den Eleseus, ob er nicht lieber heimkommen wolle und uns helfen! — Inger schrieb, aber Eleseus wollte nicht wieder heimkommen, nein, er wollte die Reise nicht unnötig noch einmal machen, lieber wollte er hungern.
Seht, es war wohl in der ganzen Stadt keine hohe Stelle in einem Büro frei, und Eleseus war vielleicht auch nicht Draufgänger genug, sich seinen Weg zu bahnen. Gott weiß, vielleicht war er auch nicht besonders tüchtig. Geschickt und fleißig im Schreiben war er wohl, aber ob er auch klug und gescheit war? Und wenn nicht, wie würde es ihm dann gehen?
Als er mit den zweihundert Kronen von zu Hause in die Stadt zurückkehrte, kam diese sofort mit ihren unbezahlten Rechnungen daher, und nachdem er diese beglichen hatte, mußte er sich einen Stock kaufen, der alte Regenschirmstock tat es nicht mehr. Verschiedene andere Dinge, die er sich anschaffen mußte, lagen auch nahe, eine Pelzmütze für den Winter, wie alle seine Kameraden eine hatten, ein Paar Schlittschuhe, einen silbernen Zahnstocher, um sich damit die Zähne zu stochern und elegant damit zu deuten, wenn man bei einem Gläschen zusammensaß und schwatzte. Und solange er noch reich war, hielt er die andern frei, so gut er konnte; bei seinem Ankunftsfest ließ er mit der größten Sparsamkeit ein halbes Dutzend Bierflaschen aufziehen. — Was, du gibst der Kellnerin zwanzig Öre? wurde er gefragt. Wir geben zehn. — Nur nicht kleinlich sein! sagte Eleseus.
Er war nicht kleinlich, nein, das stand ihm gar nicht an, er stammte von einem großen Hof, ja, von einem Herrenhof, sein Vater, der Markgraf, besaß unendliche Wälder und vier Pferde, dreißig Kühe und drei Mähmaschinen. Eleseus war kein Lügenbeutel, und nicht er hatte die Märe von dem Herrenhof Sellanraa verbreitet, das hatte der Bezirksingenieur seinerzeit getan und in der Stadt damit geprahlt. Aber es war Eleseus nicht gerade zuwider, daß dieses Märchen so halb und halb geglaubt wurde. Da er selber nichts war, konnte er wenigstens der Sohn von jemand sein, das verschaffte ihm Kredit, und er konnte sich durchschlagen. Aber auf die Dauer ging das doch nicht, endlich sollte er doch einmal bezahlen, und da saß er fest. Einer seiner Kameraden verschaffte ihm dann eine Anstellung im Geschäft seines Vaters. Es war ein Laden mit Bauernkundschaft, der die verschiedensten Waren führte; aber es war immerhin besser als gar nichts. Es war recht unangenehm für einen so alten Knaben, mit einem Anfängergehalt in einem Kramladen zu stehen, wenn er sich doch zum Lensmann hatte ausbilden wollen; aber er verdiente wenigstens seinen Lebensunterhalt dabei, es war ein vorläufiger Ausweg, ach, es war eigentlich gar nicht so schlimm. Eleseus war auch hier freundlich und gefällig und war bei den Kunden beliebt. Und er schrieb nach Hause, er sei jetzt zum Handel übergegangen.
Aber das war nun die große Enttäuschung seiner Mutter. Wenn Eleseus hinter einem Ladentisch stand, so war er ja auch nicht mehr als der Ladendiener beim Kaufmann im Dorfe drunten. Früher war er unvergleichlich viel mehr gewesen, außer ihm hatte niemand je das Dorf verlassen und auf einem Büro gearbeitet. Hatte er denn sein großes Ziel aus dem Auge verloren? Inger war nicht so dumm, sie wußte, daß es einen Unterschied gab zwischen dem Gewöhnlichen und dem Ungewöhnlichen, aber sie konnte das vielleicht nicht so genau unterscheiden. Isak war einfältiger und einfacher, er rechnete jetzt immer weniger mit Eleseus, wenn er rechnete; sein ältester Sohn war gewissermaßen aus seinem Gesichtskreis hinausgeglitten, er hörte auf, sich Sellanraa zwischen seinen beiden Söhnen geteilt zu denken, wenn er einmal nicht mehr dasein sollte.
Im Frühjahr kamen Ingenieure und Arbeiter aus Schweden; sie sollten Wege bauen, Baracken errichten, Grundstücke ausebnen, sprengen, Verbindungen mit Lebensmittellieferanten, mit Pferdebesitzern, mit Grundbesitzern an der See abschließen — wozu das alles? Sind wir denn nicht im Ödland, wo alles still und tot ist? Doch, aber jetzt sollte ein Versuchsbetrieb auf dem Kupferberg eröffnet werden.