Geißler vergaß nicht, auf dem Heimweg bei Axel Ström einzutreten und ihm Bescheid zu sagen. Ich habe darüber nachgedacht, die Sache ist nun einmal im Gang, du kannst jetzt nichts tun. Du wirst zu einem Verhör vorgeladen werden und mußt deine Aussagen machen ... Das war nur so ein Gerede, Geißler hatte vielleicht gar nicht mehr an die Sache gedacht. Und Axel sagte niedergeschlagen zu allem ja. Zum Schluß aber blies sich Geißler wieder zu einem gewaltigen Mann auf, er zog die Brauen hoch und sagte nachdenklich: Ob ich vielleicht in die Stadt kommen und bei der Verhandlung anwesend sein könnte? — Ach ja, wenn Ihr das könntet! rief Axel. — Im nächsten Augenblick entschied Geißler: Ich will sehen, ob ich nicht Zeit finden kann. Für heute leb wohl! Ich werde dir die Maschinen schicken.

Geißler ging.

Ob das nun wohl seine letzte Reise in die Gegend gewesen war?

6

Die letzte Gruppe von Arbeitern kommt vom Berg herunter, der Betrieb hat völlig aufgehört, jetzt liegt der Berg wieder verödet da. Auch der gemauerte Stall auf Sellanraa ist nun fertig. Er hat ein Notdach aus Rasenstücken für den Winter bekommen. Der große Raum ist in einzelne kleinere Räume eingeteilt, helle Räume, ein gewaltig großer Salon in der Mitte und große Kabinette an den beiden Enden, ja, es ist gerade wie für die Menschen. Isak hat einmal hier auf dem Platz mit einigen Geißen zusammen in einer Gamme gewohnt; jetzt ist auf Sellanraa keine Gamme mehr zu finden.

Der Stall wird mit Abteilungen, mit Ständen und Holzverschlägen eingerichtet. Damit das alles rasch fertig wird, sind die beiden Maurer immer noch da, aber Gustaf sagt, er verstehe nichts von der Holzarbeit, und will nun weiter. Gustaf hat sich bei der Maurerarbeit als sehr brauchbar erwiesen und hat Lasten gehoben wie ein Bär. Abends war er allen zur Freude und Aufmunterung gewesen; er hatte die Mundharmonika gespielt und hatte außerdem den Frauen geholfen, schwere Kufen hinunter an den Fluß und wieder heraufzutragen. Aber jetzt will er abreisen. Nein, die Holzarbeit verstehe er nicht, sagt er. Es ist gerade, als ob er durchaus fort wolle.

Du könntest wohl noch bis morgen bleiben, sagt Inger. — Nein, es gebe jetzt hier keine Arbeit mehr für ihn, und er habe auch in den letzten Grubenarbeitern Begleitung übers Gebirge. — Wer wird mir jetzt beim Wasserholen helfen? sagt Inger und lächelt wehmütig dabei. — Da weiß der flinke Gustaf sofort einen guten Rat; er nennt Hjalmar. — Hjalmar war der jüngste von den beiden Maurern, aber keiner von beiden war so jung wie Gustaf oder sonst im mindesten wie er. — Ach was, der Hjalmar! erwidert Inger verächtlich. Aber plötzlich faßt sie sich und will Gustaf reizen und sagt: Jawohl, der Hjalmar ist gar nicht so übel. Und draußen auf dem Felsblock singt er schön. — Ein Tausendsassa! sagt Gustaf, ohne sich reizen zu lassen. — Aber er könne doch die Nacht über noch bleiben, meint Inger. — Nein, dann ginge er der Begleitung verlustig.

Oh, nun war Gustaf der Sache überdrüssig geworden. Es war ja prächtig gewesen, sie den Kameraden vor der Nase wegzuschnappen und sie die paar Wochen über, die er da arbeitete, zu haben. Aber nun wollte er weiter, an andere Arbeit, vielleicht zu einer Liebsten daheim, das waren neue Aussichten. Sollte er sich Ingers wegen hier ohne Arbeit umhertreiben? Er hatte so gute Gründe, ein Ende zu machen, daß es Inger doch wohl einsehen mußte. Aber sie war so keck geworden, dachte an keine Verantwortung mehr und kümmerte sich um nichts. Sehr lange war es allerdings nicht so zwischen den beiden gewesen, aber doch so lange, als die Maurerarbeit währte.

Inger ist wirklich traurig, ja, sie geht in ihrer verirrten Treue so weit, daß sie sich grämt. Das ist nicht gut für sie, sie ist ohne Getue, einfach offen und ehrlich verliebt. Nein, sie schämt sich dessen nicht, sie ist ein kraftstrotzendes Weib voller Schwachheit, sie geht nur mit der Natur um sie her, sie ist voller Herbstglut. Während sie etwas Mundvorrat für Gustaf zusammenpackt, wogt ihr der Busen vor heftigen Gefühlen. Sie denkt nicht darüber nach, ob sie ein Recht dazu hat, oder ob Gefahr dabei sein könnte, sie gibt sich einfach hin, sie ist gierig geworden, zu schmecken, zu genießen. Isak könnte sie noch einmal bis an die Decke heben und sie dann wieder auf den Boden stoßen — jawohl, sie enthielte sich dennoch nicht.