Sivert, dick geschwollen von Wissen, geht und legt sich zu Bett. Axel ist zu einer Verhandlung vorgeladen, es war eine große Sache, der Lensmann ist mit ihm hingereist. Es war eine so große Sache, daß auch die Frau Lensmann, die wahrhaftig wieder ein Kleines hatte, ihr Kind verließ und mit in die Stadt reiste. Sie hatte gesagt, sie wolle ein Wort mit dem Gericht reden.
Nun schwirrten Klatsch und allerlei Gerüchte durchs Dorf, und Sivert merkte gut, daß auch wieder von einem älteren Kindsmord geflüstert wurde. Vor der Kirche stockte jede Unterhaltung, wenn er sich nahte, und wäre er nicht der gewesen, der er war, so hätten ihm die Leute vielleicht den Rücken gekehrt. Es war recht gut, Sivert zu sein, erstens einmal von einem großen Hof zu stammen, eines reichen Mannes Sohn zu sein und dann auch selbst für einen tüchtigen Kerl, für einen guten Arbeiter zu gelten. Er wurde von anderen geschätzt und hochgeachtet, und er hatte auch jederzeit die Volksgunst genossen. Wenn jetzt nur nicht Jensine zu viel hörte, ehe sie wieder nach Hause fuhren. Sivert hatte übrigens so seine eigenen Gründe zur Beängstigung, auch die Leute auf dem Ödland können erröten und erbleichen. Er sah, wie Jensine mit der kleinen Rebekka aus der Kirche trat, sie hatte auch ihn gesehen, war aber einfach vorbeigegangen. So wartet er eine Weile und fährt dann beim Schmied vor, um die beiden abzuholen.
Beim Schmied wird zu Mittag gegessen, das ganze Haus ist versammelt, und auch Sivert wird etwas zu essen angeboten, aber er hat schon gegessen und dankt. Sie wußten, daß er um diese Zeit kommen werde, sie hätten auch die kleine Weile auf ihn warten können, in Sellanraa hätte man das getan, aber hier tat man es nicht. — Ach nein, du bist es jedenfalls besser gewöhnt, sagt die Frau des Schmieds. — Hast du in der Kirche etwas Neues erfahren? fragte der Schmied, obgleich er selbst in der Kirche gewesen ist.
Als Jensine und die kleine Rebekka auf dem Wagen sitzen, sagt die Schmiedfrau zu ihrer Tochter: Ja, ja, Jensine, laß es nun nicht zu lange anstehen, bis du wieder nach Hause kommst. — Das kann man auf zwei Arten verstehen, dachte Sivert, aber er mischte sich nicht in die Sache. Wäre die Rede ein klein wenig bestimmter gewesen, so hätte er vielleicht Antwort gegeben. Er runzelt die Stirne und wartet — nein, nichts mehr.
Sie fahren heimwärts, und die kleine Rebekka ist die einzige, die etwas zu plaudern hat, sie ist erfüllt von dem Erlebnis ihres Kirchganges, von dem Geistlichen in seinem schwarzen Talar mit dem silbernen Kreuz, von dem Lichterglanz und dem Orgelschall. Nach einer langen Weile sagt Jensine: Das mit Barbro ist eine Schande! — Was hat deine Mutter damit gemeint, daß du bald wieder nach Hause kommen sollest? fragt Sivert. — Was sie damit meinte? — Willst du uns verlassen? — Einmal muß ich ja doch wieder nach Hause, sagt sie. — Prrr! ruft Sivert und hält das Pferd an. Soll ich jetzt gleich wieder mit dir umdrehen? fragt er. — Jensine sieht ihn an, er ist blaß wie der Tod. — Nein, erwidert sie, und gleich darauf fängt sie an zu weinen. Die kleine Rebekka sieht erstaunt von einem zum andern. Ach, die kleine Rebekka war sehr nützlich auf einer solchen Fahrt, sie ergriff Partei für Jensine, streichelte sie und brachte sie wieder dazu, daß sie lächelte. Und als die kleine Rebekka ihrem Bruder drohte, sie werde vom Wagen springen und sich einen Stecken für ihn suchen, da mußte auch Sivert lächeln. — Aber nun muß ich fragen, was du gemeint hast? sagt Jensine. — Sivert antwortet ohne Bedenken: Ich meinte, daß wir, wenn du uns verlassen wollest, eben sehen müßten, ohne dich fertig zu werden. — Lange Zeit darauf sagte Jensine: Jawohl, die Leopoldine ist ja nun erwachsen und kann meine Arbeit tun.
Es wurde eine wehmütige Heimfahrt.
7
Ein Mann geht übers Ödland hinauf. Es stürmt und regnet, die Herbstregen haben begonnen, aber darum kümmert sich dieser Mann nicht, er sieht froh aus und ist es auch; es ist Axel Ström, er kommt vom Verhör, wo er freigesprochen worden ist. Und er ist froh: erstens stehen eine Mähmaschine und ein Reolpflug für ihn drunten am Landungsplatz, und zweitens ist er freigesprochen. Er hat nicht geholfen, ein Kind zu ermorden. So kann es gehen!