Auch mit Inger kam das alles wieder in die Reihe, sie überwindet es, aber sie bleibt bei ihren Andachtstunden und findet ihren Trost darin. Inger ist jeden Tag fleißig und geduldig und herzensgut, sie schätzt Isak vor allen Männern und wünscht sich keinen andern als ihn. Natürlich ist er dem äußeren Anschein nach kein Tausendsassa und Sänger, aber er ist schon recht, hoho, das wollte sie meinen! Und es bewahrheitete sich wieder, daß es ein großer Gewinn ist, gottesfürchtig und genügsam zu sein.
Und nun kam also dieser kleine Ladenjüngling von Storborg, dieser Andresen, er kam Sonntags nach Sellanraa, und Inger wurde darüber nicht erregt, durchaus nicht, sie wollte nicht einmal selbst mit einem Topf Milch zu ihm hineingehen, und da die Magd nicht zu Hause war, schickte sie Leopoldine mit der Milch. Und Leopoldine trug ja auch den Topf Milch recht nett hinein und sagte Bitte! und wurde rot, obgleich sie doch ihre Sonntagskleider trug und keinen Grund hatte sich zu schämen. — Danke, das ist allzuviel, sagte Andresen. Ist dein Vater zu Hause? fragte er. — Jawohl, er ist draußen irgendwo. — Andresen trank, wischte sich den Mund mit dem Taschentuch ab und sah nach der Uhr. Ist es weit bis zu den Gruben? fragte er. — Nein, es ist kaum eine Stunde. — Ich soll hinauf und sie mir für Aronsen, bei dem ich angestellt bin, ansehen. — So. — Ja, du kennst mich doch. Ich bin der Ladendiener bei Aronsen; du bist schon bei uns gewesen und hast eingekauft. — Ja. — Ich erinnere mich deiner ganz gut, du hast zweimal bei uns eingekauft. — Das ist mehr, als ich erwarten konnte, daß Ihr Euch meiner erinnert, sagte Leopoldine, dann aber waren ihre Kräfte erschöpft, und sie hielt sich an einem Stuhl fest. Andresen jedoch hatte noch Kräfte übrig, er fuhr fort: Warum sollte ich mich nicht mehr an dich erinnern? Und weiter fragte er: Kannst du nicht mit mir zu den Gruben hinaufgehen?
Allmählich wurde es Leopoldine ganz rot und sonderbar vor den Augen, der Fußboden schwankte unter ihr, und der Ladendiener Andresen sprach wie aus weiter Ferne: Hast du keine Zeit? — Nein, sagte sie. Gott weiß, wie sie wieder hinauskam in die Küche. Die Mutter sah sie an und fragte: Was fehlt dir denn? — Nichts.
Nichts, o nein! Aber seht, jetzt war Leopoldine an der Reihe, erregt zu werden, nun begann der Kreislauf bei ihr. Sie war ganz geeignet dazu, rund und hübsch und neukonfirmiert, sie gab ein schönes Opfer. Ein Vogel zwitschert in ihrer Brust, ihre langen Hände sind wie die ihrer Mutter voller Zärtlichkeit, voller Weiblichkeit. Konnte sie nicht tanzen? O doch. Es war ein Wunder, wo sie es lernten, aber sie lernten tanzen, auch auf Sellanraa, Sivert konnte es, Leopoldine konnte es, es war ein Tanz, im Ödland entstanden, ein bodenständiges Drehen und Wenden mit vielen Kräften, Schottisch, Mazurka, Rheinländer und Walzer. Und warum sollte Leopoldine nicht auch sich putzen und verliebt sein und mit offenen Augen träumen? Genau wie andere! Als sie konfirmiert wurde, lieh ihr die Mutter ihren goldenen Ring, es war kein sündiger Gedanke dabei, es war nur hübsch, und am nächsten Tag, als sie zum Abendmahl ging, steckte sie übrigens den Ring erst an, als alles überstanden war. Sie konnte wohl mit einem goldenen Ring am Finger vor dem Altar stehen, sie war die Tochter eines mächtigen Mannes, des Markgrafen.
Als der Ladendiener Andresen wieder vom Berg herunterkam, traf er Isak an und wurde ins Haus geladen. Er bekam Mittagessen und Kaffee. Alle Hausbewohner waren jetzt in der Stube versammelt und nahmen teil an der Unterhaltung. Der Ladendiener erklärte, Aronsen habe ihn hinaufgeschickt, er solle einmal untersuchen, wie es mit den Gruben stehe, ob Anzeichen zu sehen seien, daß der Betrieb und die Arbeit wieder aufgenommen werden würden. Gott weiß, der Ladendiener schwindelte vielleicht gewaltig, wenn er sagte, er sei geschickt worden, vielleicht hatte er den Gang auf eigene Rechnung gemacht, und jedenfalls konnte er in der kurzen Zeit, die er weggewesen war, nicht bis an die Gruben hinaufgekommen sein. — So von außen kann man nicht sehen, ob die Gesellschaft wieder anfangen will, sagte Isak. — Nein, das räumte der Ladendiener ein, aber Aronsen habe ihn nun einmal heraufgeschickt, und es sei ja auch wahr, vier Augen sähen mehr als zwei.
Aber nun konnte sich Inger nicht mehr halten, sie fragte: Ist es wahr, was die Leute sagen, daß der Aronsen verkaufen will? — Der Ladendiener antwortete: Er spricht davon. Und ein Mann wie er kann tun, was er will, er hat das Geld zu allem. — Na, hat er wirklich soviel Geld? — Ja, erwidert der Ladendiener und nickt, daran fehlt es nicht. — Wieder kann Inger nicht schweigen, sie fragt: Was will er wohl für das Gut? — Doch jetzt greift Isak ein, er ist vielleicht noch neugieriger als Inger, aber der Gedanke, Storborg zu kaufen, soll nun einmal durchaus nicht von ihm herrühren, und so tut er, als ob ihn das gar nichts anginge. Er sagt: Weshalb fragst du denn, Inger? — Ach, ich frage nur so, erwidert sie. — Beide sehen gespannt den Ladendiener an und warten. Endlich rückt er mit der Antwort heraus.
Er spricht sehr zurückhaltend, von dem Preis weiß er nichts, aber er weiß, was Aronsen selbst gesagt hat, daß Storborg ihn gekostet habe. — Und wieviel ist das? fragt Inger, denn sie vermag nicht zu schweigen und den Mund zu halten. — Sechzehnhundert Kronen, erwidert der Ladendiener. — Ach so! Inger schlägt sofort die Hände zusammen, denn wenn die Weiberleute etwas nicht haben, so ist es, in Beziehung auf Güterpreise, Witz und Verstand. Aber sechzehnhundert Kronen sind nun einmal keine kleine Summe hier im Ödland, und Inger hat nur eine Angst, daß sich nämlich Isak dadurch abschrecken lassen könnte. Aber Isak ist unerschütterlich wie ein Fels und sagt nur: Das machen die großen Häuser. — Ja, sagt auch der Ladendiener Andresen, das machen die gewaltig großen Häuser.
Kurz ehe der Ladendiener geht, hat sich Leopoldine zur Tür hinausgedrückt. Es ist höchst sonderbar, aber es kommt ihr ganz unmöglich vor, ihm die Hand zu geben. Sie hat indes einen guten Platz gefunden, sie steht in dem neuen Stall und schaut zu einem der Fenster hinaus. Sie trägt ein blauseidenes Band um den Hals, das hatte sie vorher nicht gehabt, und das merkwürdigste ist, daß sie Zeit gefunden hat, es umzubinden. Da geht er vorbei, er ist etwas klein und rund, mit flinken Beinen, hat einen blonden Vollbart und ist acht bis zehn Jahre älter als sie. Er ist ganz nett, sollte sie meinen.
Spät in der Nacht zwischen Sonntag und Montag kamen die Kirchgänger wieder zurück. Alles war gut gegangen, die kleine Rebekka hatte auf der Heimfahrt während der letzten Stunden geschlafen, und sie wurde auch schlafend aus dem Wagen gehoben und ins Haus getragen. Sivert hat viel Neues erfahren, aber als die Mutter fragt: Was gibt's denn Neues? sagt er nur: Oh, nichts Besonderes. Der Axel hat eine Mähmaschine und einen Reolpflug. — Was du sagst? ruft der Vater mit großem Interesse. Hast du sie gesehen? — Ja, ich habe sie gesehen, sie standen am Landungsplatz. — So, deshalb ist er also in der Stadt gewesen! sagt der Vater. Und Sivert sitzt dick geschwollen von besserem Wissen da, sagt aber kein Wort mehr.
Mochte der Vater glauben, Axel sei in die Stadt gefahren, um eine Mähmaschine und einen Reolpflug zu kaufen; auch die Mutter sollte das nur glauben. Ach, aber keines der beiden Eltern glaubte das wirklich, sie hatten auch munkeln hören, daß das mit einem neuen Kindsmord in der Gegend zusammenhing. — Geh du jetzt nur zu Bett! sagt der Vater schließlich.