Es war ja gerade diese Frau Lensmann gewesen, die ihn im Herbst als einen ausgezeichneten, ja als einen der allerausgezeichnetsten Menschen gelobt und gepriesen hatte, das verdiente wohl ein Entgegenkommen. Axel kannte von früher her die ländliche Art des Benehmens, den großen Herren und der Obrigkeit gegenüber, und es hatte ihm ja auch gleich ein Stück Schlachtvieh, ein junges Rind, das er opfern könnte, vorgeschwebt. Aber es verging ein Tag um den andern, der ganze Herbst verging und ein Monat nach dem andern, und er sparte das Rind. Es sah nicht danach aus, als ob irgend etwas Schlimmes geschehen würde, wenn er es ganz behielte; er wäre jedenfalls um so viel ärmer, wenn er es weggäbe, und es war ein Staatsrind.
Hm. Guten Tag! Nein, sagte Axel und schüttelte den Kopf, er habe kein Schlachtvieh. — Es war, als ob die Frau seine innersten Gedanken erriete, denn sie sagte: Ich habe gehört, du habest ein junges Rind. — Jawohl, das hab' ich, erwiderte er. — Willst du es aufziehen? — Ja, ich will es aufziehen. — So, sagte die Frau Lensmann. Und hast du nicht einen Hammel? — Nein, jetzt nicht. Ich habe nämlich nicht mehr Vieh behalten, als ich großziehen will. — Nun ja, dann ist es eben nichts, sagte die Frau Lensmann, nickte ihm zu und ging.
Axel fuhr nach Hause, aber er dachte weiter über diese Unterredung nach, und er fürchtete, er habe sich am Ende dumm benommen. Die Frau Lensmann war doch einmal eine wichtige Zeugin gewesen, für ihn und gegen ihn, aber eine wichtige Zeugin. Man hatte ihm ja allerlei nachgesagt, aber er war doch aus einer schwierigen und unheimlichen Geschichte mit einer Kindsleiche in seinem Walde glatt herausgekommen. Er mußte am Ende doch einen Hammel opfern.
Übrigens merkwürdig, dieser Gedanke stand in einem fernen Zusammenhang mit Barbro. Wenn er mit einem Hammel zu ihrer Herrin kam, mußte Barbro doch einen gewissen Eindruck von ihm bekommen.
Aber wieder verging ein Tag um den andern, und es geschah nichts Schlimmes durch den Aufschub. Als er wieder ins Dorf hinunterfuhr, nahm er keinen Hammel mit, nein; das tat er nicht. Aber im letzten Augenblick nahm er ein Lamm mit. Es war übrigens ein großes Lamm, also kein geringes Tier, und als er damit ankam, sagte er: Die Hammel haben ein zähes Fleisch, ich wollte Ihnen etwas wirklich Gutes bringen. — Aber die Frau Lensmann wollte nichts von einem Geschenk hören. Sag, was du für das Lamm haben willst, sagte sie. Diese Dame hielt etwas auf öffentliche Ordnung. Nein, danke, sie nahm keine Geschenke von den Leuten entgegen. Und die Sache lief wahrhaftig darauf hinaus, daß Axel sein Lamm gut bezahlt bekam.
Barbro bekam er nicht zu Gesicht. Die Frau Lensmann hatte ihn wohl kommen sehen und Barbro aus dem Wege geschafft. Na, Glück zu, Barbro hatte ihn anderthalb Jahre lang um seine weibliche Hilfskraft betrogen!
9
Im Frühjahr ereignete sich etwas höchst Unerwartetes und dabei sehr Bedeutungsvolles: der Betrieb in den Kupfergruben sollte wieder aufgenommen werden, Geißler hatte seinen Berg verkauft. War das Unglaubliche geschehen? Ach, dieser Geißler war nun einmal ein unergründlicher Herr, er konnte tun und konnte lassen, verneinend den Kopf schütteln und bejahend nicken. Er konnte ein ganzes Dorf wieder zum Lächeln bringen.
Hatte ihm am Ende doch das Gewissen geschlagen und wollte er den Bezirk, in dem er Lensmann gewesen war, nicht länger mit selbstgebauter Grütze und mit Geldmangel strafen? Oder hatte er gar seine Viertelmillion bekommen? Oder war vielleicht die Sache so, daß Geißler selbst Geld brauchte und den Berg für das, was er eben dafür bekam, verkaufen mußte? Fünfundzwanzigtausend oder fünfzigtausend sind ja schließlich auch ein schönes Geld. Es wurde übrigens behauptet, sein Sohn habe in seinem Namen das Geschäft abgeschlossen.