Und das war nicht sein einziges Abenteuer, er erlebte noch andere. Aber er mußte auch das Abenteuer erleben, daß Jensine Sellanraa verließ. Das brachte große Unordnung in Siverts Gemütsleben.
Ja, es kam wirklich so weit, daß Jensine fortging, sie wollte selbst gehen. Ach, Jensine war nicht die erste beste, das konnte niemand behaupten! Sivert hatte ihr einmal angeboten, sie wieder nach Hause zu fahren; bei der Gelegenheit hatte sie leider geweint, später aber hatten ihre Tränen sie gereut, und sie zeigte, daß sie bereute, sie kündigte. Jawohl, in aller Ordnung.
Und nichts auf der Welt wäre Inger auf Sellanraa erwünschter gewesen, als daß Jensine ging; Inger hatte angefangen, unzufrieden mit ihrer Magd zu sein. Das war merkwürdig, denn sie hatte nichts an ihr auszusetzen, aber sie schien sie nur mit Überwindung ansehen und ihre Anwesenheit auf dem Hofe kaum noch ertragen zu können. Das hing wohl mit Ingers Gemütszustand zusammen: sie war den ganzen Winter über schwermütig und fromm gewesen und kam nicht darüber hinweg. Du willst gehen? Jawohl, geh nur, sagte Inger. Das war ein Segen, eine Erhörung nächtlicher Gebete. Es blieben trotzdem noch zwei erwachsene weibliche Personen auf dem Hofe, was sollte diese lebensfrische und mannbare Jensine hier? Mit Unwillen betrachtete Inger diese Mannbarkeit, und sie dachte wohl: gerade wie ich damals!
Ihre große Frömmigkeit ließ nicht nach. Sie war nicht an sich lasterhaft, sie hatte gekostet, jawohl, sie hatte genippt, aber sie hatte nicht im Sinn, das bis ins Alter zu treiben, keine Rede davon. Inger wies diesen Gedanken mit Entsetzen von sich. Der Grubenbetrieb hörte auf, und alle Arbeiter verschwanden — lieber Gott, nichts hätte besser sein können! Die Tugend war nicht nur erträglich, sie war notwendig, ein notwendiges Gut, eine Gnade.
Allein die Welt war schlecht. Seht, da war nun Leopoldine, die kleine Leopoldine, ein Fruchtkeim, ein kleines Kind, und war zum Überfließen voll Gesundheit und Sünde. Wenn sich ihr ein Arm um die Mitte legte, so würde sie zusammensinken, pfui! Sie hatte Finnen im Gesicht bekommen, das deutete auf Wildheit im Blute, ach, die Mutter erinnerte sich wohl daran, damit begann die Wildheit im Blute. Die Mutter verdammte die Tochter durchaus nicht wegen dieser Finnen im Gesicht, aber sie wollte ihnen ein Ende machen. Leopoldine sollte damit aufhören. Was hatte auch dieser Ladendiener Andresen an den Sonntagen nach Sellanraa heraufzukommen und mit Isak von der Landwirtschaft zu schwatzen? Bildeten sich denn diese beiden Mannsleute ein, daß die kleine Leopoldine gar nichts merke? Oh, die Jugend war schon früher verrückt gewesen, vor dreißig, vierzig Jahren, aber jetzt war sie schlimmer geworden.
Ja, wie es nun auch geht! sagte Isak, als sie davon sprachen. Jetzt ist das Frühjahr da, und Jensine ist fort, und wen können wir für die Sommerarbeit bekommen? — Die Leopoldine und ich werden arbeiten, erklärte Inger. Lieber will ich Tag und Nacht arbeiten! rief sie erregt und dem Weinen nahe. — Isak konnte sich diesen heftigen Ausbruch nicht erklären, aber er hatte seine eigenen Ansichten, deshalb ging er mit Hacke und Spaten an den Waldrand und fing an, einen Stein zu bearbeiten. Nein, wahrhaftig, Isak konnte nicht verstehen, daß die Magd Jensine fortgegangen war, sie war doch ein tüchtiges Mädchen gewesen. Er verstand im ganzen nur das Nächstliegende, die Arbeit, gesetzliches und natürliches Tun. Er war von rundem und gewaltigem Körperbau, niemand war weniger astral wie er, er aß wie ein rechter Mann, und es bekam ihm gut, deshalb kam er auch höchst selten aus dem Gleichgewicht.
Da war nun also dieser Stein. Es waren noch viele andere Steine da, aber mit einem mußte er nun einmal anfangen. Isak sieht den Tag kommen, da er hier ein Häuschen bauen muß, eine Heimstätte für sich und Inger. Er will den Bauplatz ein wenig ebnen, während Sivert drunten auf Storborg ist, sonst muß er seinem Sohn eine Erklärung geben, und das möchte er vermeiden. Natürlich wird der Tag kommen, wo Sivert alle Gebäude auf dem Hofe für sich selbst braucht, dann müssen die Eltern eine Wohnung haben. Sie kamen ja mit dem Bauen auf Sellanraa niemals zu Ende, der große Futterboden auf dem steinernen Stall war auch noch nicht gebaut. Aber die Balken und die Bretter dazu lagen fertig da.
Also da war nun dieser Stein. Was davon aus der Erde hervorragte, sah nicht besonders groß aus, aber er rührte und regte sich nicht, er mußte also doch ein gewaltiger Brocken sein. Isak grub rund darum herum und machte einen Versuch mit dem Spaten, aber der Stein rührte sich nicht. Er grub noch tiefer und versuchte es wieder — nein. Nun mußte Isak nach Hause und eine Schaufel holen, um die lose Erde wegzuschaffen. Dann grub er wieder und probierte — nein. Das ist einmal ein Block! dachte Isak in all seiner Geduld. Er grub nun schon eine gute Weile, der Stein reichte immer tiefer in die Erde hinunter, und er konnte ihn nirgends richtig anpacken. Es wäre doch recht ärgerlich, wenn er genötigt wäre, den Stein zu sprengen. Dann wären die Schläge, um das Bohrloch zu machen, weithin zu hören und würden alle Hausbewohner herbeirufen. Isak grub weiter, aber dann holte er eine Hebestange und versuchte es damit — nein. Er grub wieder. Nun fing Isak doch allmählich an, etwas ärgerlich auf den Stein zu werden; er runzelte die Stirn und schaute ihn an, wie wenn er eben nur gekommen wäre, um die Steine hier ein wenig zu beaufsichtigen, und wie wenn gerade dieser Stein hier besonders dumm wäre. Er kritisierte ihn, er war so rund und dumm, er war nirgends zu fassen, ja, er meinte beinahe, er habe eine ganz verkehrte Form. Sollte er ihn sprengen? Keine Rede davon, wozu auch noch Pulver an ihn verschwenden! Oder sollte er ihn aufgeben, sollte er eine Art von Furcht zeigen, der Stein könnte ihm überlegen sein?
Isak grub. Er mühte sich im Schweiße seines Angesichts, aber was war der Erfolg? Endlich bekam er die Spitze der Hebestange darunter und machte einen Versuch — der Stein rührte sich nicht. Sachgemäß war an seinem Vorgehen nichts auszusetzen, aber es hatte keinen Erfolg. Was war denn das? Hatte er denn nicht auch sonst schon Steine ausgebrochen? War er alt geworden? Komisch, hehe! Lächerlich. Er hatte ja wohl neulich einmal Anzeichen von abnehmender Kraft bemerkt, das heißt, er hatte es nicht bemerkt, er hatte sich nicht darum gekümmert, es war Einbildung gewesen. Und nun geht er wieder an den Stein, völlig entschlossen, ihn zu heben.
Oh, das war keine Kleinigkeit, wenn Isak sich über eine Hebestange legte und sich schwer machte! Da liegt er vorgebeugt und hebt und hebt, zyklopisch und mit außerordentlicher Kraft, mit einem Oberkörper, der bis zu den Knien zu reichen scheint. Es war ein gewisser Pomp und eine Pracht über ihm, sein Äquator war ungeheuer.