Allein der Stein rührte sich nicht.

Es half alles nichts, er mußte noch tiefer graben. Sollte er den Stein sprengen? Schweig still! Nein, aber er mußte noch tiefer graben. Er wurde sehr eifrig. Der Stein mußte und sollte heraus! Man konnte nicht sagen, es sei in diesem Trieb von seiten Isaks etwas Perverses gewesen; es war die alte Liebe des Ackerbauern zur Urbarmachung des Bodens, aber gänzlich ohne Zärtlichkeit. Es sah ganz närrisch aus, erst umkreiste er den Stein von allen Seiten, ehe er sich dranmachte, dann grub er ringsherum und betastete ihn und schaufelte die Erde mit den bloßen Händen weg, ja, das tat er. Aber das alles waren keine Liebkosungen. Es war ihm heiß geworden, aber heiß vor Eifer. Wie, wenn er es jetzt wieder mit der Hebestange versuchte? Er setzte sie da an, wo er sich am meisten Erfolg versprach — nein. War das einmal ein merkwürdiger Trotz und Eigensinn von einem Stein! Aber jetzt schien es zu gehen. Isak versucht es noch einmal und bekommt Hoffnung, der Erdarbeiter hatte es im Gefühl, daß der Stein nicht mehr unüberwindlich war. Da glitt die Hebestange ab und warf Isak zu Boden. Verdammt! sagte er. Das fuhr ihm so heraus. Seine Mütze hatte zu gleicher Zeit einen Schupps gekriegt und saß nun so schief, daß er ganz spanisch, ganz räubermäßig aussah. Er spuckte aus.

Da kommt Inger dahergegangen. Du mußt jetzt zum Essen kommen, Isak, sagt sie ganz lieb und freundlich. — Ja, gibt er zur Antwort, aber er will nicht, daß sie näher herankommt, und er will kein Gerede. Ach, diese Inger, sie merkte gar nichts, sie kam näher. Was hast du dir jetzt wieder ausgedacht? fragt sie, denn sie möchte ihm damit schmeicheln, daß er sich fast jeden Tag etwas Neues und Großartiges ausdenkt. — Aber Isak ist sehr grimmig, fürchterlich grimmig ist er, er erwidert: Das weiß ich nicht. — Und Inger ihrerseits ist sehr töricht, sie fragt ihn und plaudert ihm noch allerlei vor und geht nicht. — Da du es nun doch einmal gesehen hast, ich will diesen Stein herausheben, sagt er. — So, du willst ihn herausheben? fragt sie. — Ja. — Ich kann dir wohl nicht helfen? — Isak schüttelt den Kopf. Aber es war doch ein hübscher Zug von Inger, daß sie ihm helfen wollte, und er konnte sie nicht länger zurückweisen. Wenn du ein klein wenig warten willst, sagt er und läuft nach Hause, um den Schmiedehammer und einen Meißel zu holen.

Wenn er den Stein an der richtigen Stelle etwas uneben machte, indem er einen Splitter abschlug, so bekam die Hebestange einen besseren Halt. Inger hält den Meißel, und Isak schlägt zu. Ja, es gelingt, ein Splitter fällt ab. — Ich danke dir für die Hilfe, sagt Isak. Und du sollst vorerst mit dem Essen nicht auf mich warten, ich will erst diesen Stein heraus haben.

Allein Inger geht nicht, und im Grunde genommen ist es Isak auch lieb, daß sie stehenbleibt und ihm bei seiner Arbeit zuschaut, das hatte er schon in jungen Tagen gern gehabt. Und siehe da, er findet einen prächtigen Halt für die Hebestange und hebt — der Stein bewegt sich! — Er bewegt sich! sagt Inger. — Du willst mich doch nicht foppen? fragt Isak. — Ich foppen! Er bewegt sich!

Soweit war er gekommen, wahrhaftig, der Stein bewegte sich, er hatte den Stein für die Sache gewonnen, jetzt arbeiteten sie zusammen. Isak hebt und wiegt die Stange hin und her, und der Stein bewegt sich ein wenig, aber nicht mehr. Isak macht eine Weile so weiter, allein es führt zu nichts. Plötzlich sieht er ein, daß es sich nicht darum handelt, ob sein Körpergewicht zureicht, er hat nicht mehr die alte Kraft, das ist die Sache, er hat die zähe Biegsamkeit des Körpers eingebüßt. Körpergewicht? Es wäre ja gar nichts gewesen, sich über die schwere Stange zu legen und sie abzubrechen. Aber er hatte an Kraft verloren, so sah es aus. Das erfüllte den duldsamen Mann mit Bitterkeit; wenn nur wenigstens nicht Inger dabeigestanden und zugeschaut hätte!

Plötzlich läßt er die Stange fahren und ergreift den Schmiedehammer. Der Zorn hatte ihn erfaßt, er war in der Stimmung, Gewalt zu gebrauchen. Seht, er hat immer noch die Mütze auf dem Ohre sitzen und sieht räubermäßig aus, jetzt läuft er mit gewaltigen Schritten rund um den Stein herum, als ob er sich selbst dem Stein gegenüber in das richtige Licht setzen wollte, ho, es sah aus, als ob er jetzt diesen Stein als eine Ruine hinter sich zurücklassen wollte. Warum sollte er das nicht tun? Einen Stein, den man tödlich haßt, zu zerschmettern, das ist nur Formsache. Und wenn der Stein Widerstand leistete, wenn er sich nicht zerschmettern ließ? Oh, es würde sich schon zeigen, wer von ihnen beiden der Überlebende sein würde!

Aber jetzt redet Inger ein wenig ängstlich, denn sie merkt wohl, was in dem Manne gärt, sie sagt: Wie wär's, wenn wir uns beide auf den Balken da legten? und mit dem Balken meinte sie die Hebestange. — Nein! rief Isak rasend. Aber nach einem Augenblick des Nachdenkens sagt er: ja, wenn du doch schon einmal da bist, aber ich begreife nicht, warum du nicht nach Hause gehst. Wir wollen's einmal versuchen!

Und nun gelingt es ihnen, den Stein auf die Kante zu drehen. Es glückt. Puh! sagt Isak.

Allein nun offenbart sich vor ihren Augen etwas Unerwartetes: die Unterseite des Steines ist eine Fläche, eine große schöne Fläche, eben, glatt wie der Fußboden. Der Stein ist also nur die Hälfte eines Steines, die andere Hälfte muß irgendwo in der Nähe liegen. Isak wußte wohl, daß die beiden Hälften eines Steines sehr gut eine verschiedene Lage in der Erde haben konnten, es war wohl der Frost gewesen, der sie im Laufe langer Zeiträume voneinander entfernt hatte. Aber dieser ganze Fund freut ihn außerordentlich. Oh, dieser Stein ist brauchbar, er gibt eine prächtige Türschwelle. Selbst eine größere Geldsumme würde das Herz des Ödlandbewohners nicht mit solcher Befriedigung erfüllt haben. Das ist eine feine Türschwelle, sagt er stolz, und Inger bricht im guten Glauben in die Worte aus: Ich begreife nur nicht, wie du das hast wissen können! — Hm! sagt Isak. Meinst du, ich hätte für nichts hier in der Erde gegraben?